Ein Dithmarsischer Bauer

Friedrich Hebbel

1829

Der warme Sommer scheidet Mit seinem letzten Strahl; Der Sohn des Südens schneidet Das Korn zum zweiten Mal; Man bäckt′s am Donaustrande, Man mahlt′s am Rhein und Main, Und führt′s am fernsten Rande Des Reichs zum Dreschen ein.

Hier liegt nun, rings umflossen Vom Elb- und Eiderfluß, Ein Freiland, wohl verschlossen, Dem Kaiser zum Verdruß, Der′s längst dem Kronenträger Von Dänemark verliehn, Doch, wie den Leu dem Jäger: Fang ihn, so hast du ihn!

Dort gilt es, sich zu rühren, Daß nicht der Hagelschlag, Den manche Ernten spüren, Die Frucht noch zehnten mag; Drum rücken alle Hände Dithmarschens auch ins Feld, Und zur Quatember-Wende Ist stets das Werk bestellt!

Nun spricht ein greiser Bauer In seiner Knechte Kreis: Wir haben′s heute sauer, Es gilt den letzten Schweiß; Auf morgen fürcht ich Regen, Die Wolken sind zu kraus, Drum muß der Gottessegen Mir noch vor Nacht ins Haus!

Er spricht′s im barschen Tone, Und fügt kein Wort hinzu Von doppelt großem Lohne Und langer Sonntagsruh; Doch hört man keinen fluchen, Denn durch das Weihnachtsbrot Und durch den Osterkuchen Vergilt er das Gebot.

Nun geht die Arbeit wacker Und fröhlich ihren Gang, Der Weg vom Hof zum Acker Scheint nur noch halb so lang, Die vollen Wagen fliegen, Wie sonst die leeren kaum, Und ganze Felder schmiegen Sich unterm Windelbaum.

Doch immer dunkler türmen Die Wolken sich empor; Der erste von den Stürmen Des Herbstes steht bevor. Die weißen Möwen wagen Sich kreischend übern Deich; Die Krähen fliehn mit Zagen, Die Spatzen folgen gleich.

Der Junge bringt das Essen: Zurück! Noch fehlt die Zeit! Der Mittag sei vergessen, Der Abend ist nicht weit! Die Pferde selbst gedulden Sich heut und springen froh, Auch zahl ich meine Schulden In Hafer, nicht in Stroh!

Und trüber wird′s und trüber, Je mehr die Dämmrung naht; Wie pfeift es schon herüber Vom hohlen Seegestad! Hinan zum Deiche trabend, Denkt jetzt der Alte still: Die haben Feierabend, Ich - Nun, wie Gott es will!

Jetzt muß das Wetter brechen! Gleichviel, wir sind gedeckt, Denn schon wird mit dem Rechen Die letzte Fuhr′ besteckt! Sie kommt auch ohne Schaden Noch vor der Scheune an, Doch gar zu hoch beladen, Klemmt sie im Tor sich dann!

Vorwärts! Die Pferde beißen In ihr Geschirr vor Wut, Die dicken Stränge reißen, Zum Schweiße fließt schon Blut! Doch hilft nicht Kraft, noch Schnelle, Die Scheune selber rückt Wohl eher von der Stelle, Als daß die Durchfuhr glückt!

Und plötzlich bricht das Rasen Der Elemente los, Der Winde scharfes Blasen Zerschlitzt der Wolken Schoß, Da kann ihn nichts mehr stopfen, Den neuen Sündflut-Born, Und jeder Wassertropfen Fällt, wie ein Hagelkorn.

Nun speit der Alte Flammen: Der Pferde sind nur zwei, Der Kerle fünf beisammen, So tretet selbst herbei! Gebt acht, wir werden′s zwingen, Wenn ihr die Räder packt Und ich vor allen Dingen Die Deichsel, bis sie knackt.

Die Knechte aber denken: Ein Tor ist, wer so spricht, Auch darf man′s ihm nicht schenken, Er kennt die Grenze nicht! Man muß ihm einmal geigen, Sonst ist er toll genug Und spannt uns noch als eigen Im Frühling vor den Pflug.

Sie schweigen zwar, und nicken, Als wär′ es ihnen recht, Doch merkt man wohl, sie schicken In den Befehl sich schlecht. Sie glotzen dumm und dämisch, Wie er die Deichsel faßt, Und grinsen mehr, als flämisch, Bei seinem: Aufgepaßt!

Und doch! Es ist gelungen Auf einen einz′gen Ruck! Habt Dank, ihr braven Jungen! Nun gibt′s auch einen Schluck! Ich geb euch eine Tonne Hamburger Bier zur Nacht, So zecht denn, bis die Sonne Dem Spaß ein Ende macht!

Die Knechte aber stehen Mit offnem Munde da, Als hätten sie gesehen, Was nie noch einer sah; Dann rufen sie: Sie nennen Euch längst den Goliath, Ihr dürft euch wohl bekennen. Ich mach auch den noch matt!

Was rühmt ihr meine Stärke? Seid ihr nicht selbst erhitzt? Ihr habt ja Teil am Werke, Bin ich es denn, der schwitzt? Wir dürfen euch schon loben Für dieses Teufelsstück: Wir haben nicht geschoben, Wir hielten bloß zurück!

So will ich kurz mich fassen: Ich bin dem Spaß nicht hold, Doch mögt ihr heute prassen, So toll ihr immer wollt, Auch sei auf eure Mühe Euch nicht die Rast verwehrt, Nur, daß ihr in der Frühe Euch gleich vom Hof mir schert!

Jetzt naht sich aus der Küche Die Frau mit stolzem Schritt Und bringt die Wohlgerüche In ihren Röcken mit; Sie ruft mit krauser Stirne: Ei, Wirt, was säumt ihr noch? Den Stall versieht die Dirne Und fertig ist der Koch!

Frau, mich soll Gott behüten Vor Speis′ und auch vor Trank Bei solcher Stürme Wüten, Doch habt für diese Dank! Die können ruhig trinken, Es wird darum kein Schiff Auf finstrer See versinken Am Helgolander Riff!

Nun nickt er ihr, dann reitet Er eilig wieder fort, Zum Deich zurück und leitet Die Strand- und Schiffswacht dort; Er hat dafür zu sorgen, So will′s das Schlüteramt, Daß hell bis an den Morgen Die Feuertonne flammt.

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Illustration zu Ein Dithmarsischer Bauer

Interpretation

Das Gedicht "Ein Dithmarsischer Bauer" von Friedrich Hebbel schildert das Leben und die Arbeit eines Bauern in Dithmarschen, einer Region in Schleswig-Holstein, Deutschland. Es beschreibt die harte Arbeit der Erntezeit, die Zusammenarbeit der Dorfbewohner und die Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung der Erntezeit und der Zusammenarbeit der Dorfbewohner, um das Getreide rechtzeitig einzubringen. Es zeigt die Bedeutung der Gemeinschaft und des Zusammenhalts in dieser Zeit. Der Bauer spricht zu seinen Knechten und motiviert sie, trotz der drohenden Regenwolken weiterzuarbeiten. Die zweite Hälfte des Gedichts beschreibt die Herausforderungen, denen sich der Bauer und seine Knechte stellen müssen. Ein Unwetter bricht los, und sie müssen die letzte Fuhre Getreide noch vor der Scheune unterbringen. Es kommt zu einer dramatischen Szene, in der der Bauer selbst die Deichsel ergreift und mit Hilfe seiner Knechte die Fuhre durch das enge Scheunentor manövriert. Das Gedicht endet mit einer Belohnung für die harte Arbeit der Knechte und der Rückkehr des Bauern zu seiner Frau. Es zeigt die Zufriedenheit und den Stolz des Bauern auf seine Leistung und die Dankbarkeit seiner Frau für seine sichere Rückkehr. Das Gedicht vermittelt eine starke Verbundenheit zur Heimat und zum Land und betont die Bedeutung von harter Arbeit, Gemeinschaft und Zusammenhalt in der ländlichen Gesellschaft.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Der Strand- und Schiffswacht
Metapher
Die Feuertonne flammt
Personifikation
Der warme Sommer scheidet
Vergleich
Ich - Nun, wie Gott es will
Übertreibung
Die Feuertonne flammt