Ein deutscher Postillion
1896Es fuhr der Herr von Zavelstein Gar lustig in die Welt hinein, Und vor ihm auf dem Kutscherthron Saß Michel hoch als Postillion, Ein Kern als wie ein Riese. Und fort gings durch den Böhmerwald, Da plötzlich tönt ein donnernd: Halt! Zwei Räuber nahn; doch kämpft voll Mut Der edle Herr, schon fließt sein Blut Aus mancher tiefen Wunde.
Der Postillion schaut ruhig drein, Da ruft der Herr von Zavelstein: “Nehmt alles, nur gerbt mir dem Hund Dort auf dem Bock das Fell erst wund, Der mich so feig verlassen!”.
Ein Ruck - und Michel stürzt vom Bock, Auf seinem Rücken tanzt der Stock, Es trifft ihn mächtig Streich auf Streich, Doch stets bleibt seine Ruh sich gleich, Als müßt ers eben leiden.
Auf einmal aber reckt er sich, Und immer höher streckt er sich, Und jetzt ein Schlag und noch ein Schlag, Und blutend auf dem Boden lag Vor ihm das Raubgesindel.
“Was!” rief der Herr von Zavelstein, “Du toller Narr, was fiel dir ein? Erst läßt du mich in Not, du Wicht, Dann hälst du still und wehrst dich nicht, Und dann erschlägst du beide!?”
“Herr!” sprach der Michel voller Ruh, “Erst schaut ich dem Spektakel zu; Doch als mirs selbst ans Leder ging Und das mich an zu jucken fing, Da bin ich warm geworden.
Und seht, wenn ich erst einmal warm, Dann juckts gewaltig mich im Arm. Dann werd ich voller Gall und Gift, Und wohin meine Faust dann trifft, Da wächst kein Grashalm wieder!”
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Interpretation
Das Gedicht "Ein deutscher Postillion" von Julius Karl Reinhold Sturm handelt von einer Postkutschenfahrt des Herrn von Zavelstein durch den Böhmerwald, bei der sie von Räubern überfallen werden. Der Herr von Zavelstein kämpft mutig, wird aber verwundet. Er fordert den Postillion Michel auf, sich für ihn einzusetzen, doch Michel reagiert zunächst nicht. Als der Herr von Zavelstein Michel dafür bestraft, dass er ihn im Stich gelassen hat, bleibt dieser ruhig und lässt die Schläge über sich ergehen. Plötzlich jedoch richtet sich Michel auf und schlägt die Räuber nieder. Der Herr von Zavelstein ist verwirrt über Michels Verhalten - erst lässt er ihn im Stich, dann wehrt er sich nicht gegen die Bestrafung und schließlich tötet er die Räuber. Michel erklärt sein Verhalten damit, dass er zunächst nur zugesehen habe, aber als es ihn selbst traf, "warm" geworden sei und seine Faust nicht mehr zu bremsen gewesen sei. Er warnt davor, ihn zu erzürnen, denn dann werde er zur tödlichen Gefahr. Das Gedicht zeichnet ein Bild von Michels ungestümer Natur und der Unberechenbarkeit seiner Reaktionen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gar lustig in die Welt hinein
- Bildsprache
- Und immer höher streckt er sich
- Direkte Rede
- Herr! sprach der Michel voller Ruh
- Hyperbel
- Und blutend auf dem Boden lag Vor ihm das Raubgesindel
- Ironie
- Da ruft der Herr von Zavelstein: Nehmt alles, nur gerbt mir dem Hund Dort auf dem Bock das Fell erst wund, Der mich so feig verlassen!
- Kontrast
- Doch stets bleibt seine Ruh sich gleich, Als müßt ers eben leiden
- Metapher
- Ein Kern als wie ein Riese
- Personifikation
- Und fort gings durch den Böhmerwald
- Vergleich
- Und wohin meine Faust dann trifft, Da wächst kein Grashalm wieder!
- Wiederholung
- Und jetzt ein Schlag und noch ein Schlag