Ein Bürger spricht

Klabund

1890

Am Sonntag geh ich gerne ins Café. Ich treffe viele meinesgleichen, Die sich verträumt die neuste Anekdote reichen - Und manche Frau im Negligé.

Sie sitzt zwar meist bei einem eleganten Betrübten Herrn - Ich sitz bei meinen Anverwandten Und streichle sie von fern.

Ich streichle ihre hold entzäumten Glieder Und fühle ihr ein wenig auf den Zahn. Der Ober lächelt freundlich auf mich nieder. Ein junger Künstler pumpt mich an.

Bei dem mir angetrauten Fleisch lieg ich dann nachts im Bette Und denke an mein Portemonnaie. Wenn ich ihm doch die fünf Mark nicht geliehen hätte! O süße Frau im Negligé!

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Illustration zu Ein Bürger spricht

Interpretation

Das Gedicht "Ein Bürger spricht" von Klabund schildert die alltäglichen Erlebnisse und Sehnsüchte eines bürgerlichen Mannes, der am Sonntag ins Café geht, um sich in der Gesellschaft Gleichgesinnter zu amüsieren. Die Atmosphäre ist geprägt von belanglosen Gesprächen und dem Austausch von Anekdoten, während die Männer die anwesenden Frauen, insbesondere eine im Negligé, aus der Ferne bewundern. Die Szene im Café spiegelt die Oberflächlichkeit und die verborgenen Begierden der bürgerlichen Gesellschaft wider. Der Protagonist des Gedichts sehnt sich nach der Frau im Negligé, die er zwar nicht direkt ansprechen kann, aber deren Anwesenheit ihn fasziniert. Er imaginiert, wie er ihre "hold entzäumten Glieder" streichelt und ihr "ein wenig auf den Zahn fühlt", was seine verborgenen sexuellen Fantasien andeutet. Der Ober lächelt freundlich, während ein junger Künstler den Protagonisten anspricht, was die unterschiedlichen sozialen Schichten und Interessen im Café verdeutlicht. In der Nacht, nachdem er bei seiner "angetrauten" Frau liegt, denkt der Protagonist an die Frau im Café und bereut, ihr nicht die fünf Mark geliehen zu haben. Diese Reue unterstreicht die Diskrepanz zwischen seinen alltäglichen Pflichten und seinen unerfüllten Wünschen. Das Gedicht endet mit der Sehnsucht nach der Frau im Negligé, die als Symbol für die unerreichbaren Träume und die verpassten Gelegenheiten des Protagonisten steht.

Schlüsselwörter

frau streichle sonntag geh gerne treffe viele meinesgleichen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
verträumt die neuste Anekdote reichen
Bildsprache
Ich streichle ihre hold entzäumten Glieder
Ironie
Wenn ich ihm doch die fünf Mark nicht geliehen hätte! O süße Frau im Negligé!
Kontrast
Ich sitz bei meinen Anverwandten Und streichle sie von fern
Metapher
Sie sitzt zwar meist bei einem eleganten Betrübten Herrn
Personifikation
Der Ober lächelt freundlich auf mich nieder