Ein böser Traum
1725Dort, Liebste, wo die Ruh nichts störet, Die die Zufriedenheit mir schenket, In jenem anmuthsvollen Busche Vergnügte ich mich.
Die Zephirs hascheten sich scherzend; Sie zischten, lispelnd, sich entgegen, Wie sie in schatticht düstern Grotten Die Spröden behorcht.
Harmonische Gesäng der Vögel Befeurten die beglückte Liebe. Im nahen Felde schlug die Wachtel; Das Echo erscholl.
Ein Bach, der wie Kristallen blitzte, Schlung sich gekrümmt durch zweene Felsen. Mich lockte sein verliebtes Murmeln; Hier setzt ich mich hin.
Die Sonne, stolz auf ihren Schöpfer, Der ihr ein reines Licht geschenket, Beschaut neugierig sich im Wasser; Hier bricht sich das Licht.
Von Lust entzückt, lag ich am Bache. Das liebliche Geräusch der Quelle Lockt bald auf meine Augenlieder Den Schlummer herab.
Das Auge, mit Verdruß sich schließend, Blickt nur noch einmal nach dem Bache, Die Farbenstralen, zu besehen: Dann schließet es sich.
Gleich seh ich träumend Damis kommen. Ich fürchte mich vor seinen Kriegen, Weil Amor immer für ihn streitet: Ich lief, und entkam.
Ich hielt mich hinter einem Baume, Und sahe, schalkhaft, ihn mich suchen. Er gieng vorüber, und ich küßte Zum Danke, den Baum.
Gleich wach ich auf, und ach! mein Engel! Küß niemals einen Baum im Schlafe! Ich hatte meinen Freund im Arme, Den hatt ich geküßt.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein böser Traum" von Johanna Charlotte Unzer beschreibt eine idyllische Traumlandschaft, in der sich die lyrische Ich-Figur in einem lieblichen Busche vergnügt. Die Natur wird als harmonisch und verzaubert dargestellt: Zephyre spielen, Vögel singen, ein Bach plätschert und die Sonne spiegelt sich im Wasser. Die Atmosphäre ist von Zufriedenheit und Liebe durchdrungen, bis die Figur am Bach einschläft und in einen Traum gleitet. In diesem Traum erscheint Damis, der als kriegerischer und von Amor unterstützter Charakter beschrieben wird. Die lyrische Ich-Figur flieht vor ihm, versteckt sich hinter einem Baum und küsst diesen aus Dankbarkeit, dass Damis vorübergeht. Doch der Traum endet abrupt, als die Figur erwacht und erschrocken feststellt, dass sie im Schlaf tatsächlich ihren Freund im Arm geküsst hat, den sie für den Baum gehalten hatte. Das Gedicht thematisiert die Ambivalenz von Träumen und die Verwirrung zwischen Realität und Illusion. Die idyllische Natur wird zum Schauplatz einer inneren Zerrissenheit, die in der humorvollen und leicht ironischen Auflösung des Traums gipfelt. Die lyrische Ich-Figur wird durch den Traum in eine unerwartete und peinliche Situation gebracht, was die unberechenbare Natur von Träumen und die menschliche Fehlbarkeit unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gleich seh ich träumend Damis kommen
- Hyperbel
- Küß niemals einen Baum im Schlafe!
- Metapher
- Die Sonne, stolz auf ihren Schöpfer
- Personifikation
- Die Zephirs hascheten sich scherzend; Sie zischten, lispelnd, sich entgegen
- Vergleich
- Wie sie in schatticht düstern Grotten Die Spröden behorcht