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Ein Blütenblatt

Von

Von deinen Tulpen fiel das erste Blau.
Es liegt am Fuß der stolz geschwungnen Vase
und lehnt sich auf am gletscherblauen Glase,
und drüber flammt der Strauß mit dreizehn Bränden.
Und eine von den Blüten züngelt so
in sich gekrümmt, als suche farbensatt
ihr Leben eine kalte Ruhestatt
und rette sich aus halbverbrannten Wänden.
Doch eine andre ist so lichterloh
geöffnet, daß wie zwischen Feuerwiegen
die gelbgekrönte Samenpuppe prangt,
die nach der Blüte nicht zurückverlangt,
wenn alle Blätter abgefallen liegen.

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Gedicht: Ein Blütenblatt von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ein Blütenblatt“ von Richard Dehmel beschreibt in einer Momentaufnahme den Zustand einer Tulpenblüte in einer Vase. Die Szene wird durch eine präzise Beobachtung der Farben und Formen sowie durch die feine Differenzierung der Gefühle und Zustände, die sich in den Blütenblättern spiegeln, charakterisiert. Dehmel nutzt die Metapher der Tulpenblüte, um über Vergänglichkeit, Schönheit und die Suche nach Ruhe bzw. der Erfüllung des Lebens nachzudenken.

Die erste Strophe etabliert die Szenerie: Ein blaues Blütenblatt der Tulpe ist abgefallen und ruht am Fuß der Vase, während die restlichen Blüten in der Vase „flammen“. Der Kontrast zwischen dem abgefallenen Blatt und den noch strahlenden Blüten wird durch die bildhafte Sprache verstärkt. Das „gletscherblaue Glase“ und die „dreizehn Brände“ des Straußes suggerieren eine kühle, aber gleichzeitig feurige Atmosphäre. Die Verwendung des Wortes „Brände“ ist hierbei besonders interessant, da es einerseits auf das Leuchten der Blüten verweist, andererseits aber auch eine gewisse Zerstörung oder den Prozess des Vergehens anklingen lässt.

Die zweite Strophe fokussiert auf eine einzelne, in sich gekrümmte Blüte, die ihr „Leben eine kalte Ruhestatt“ sucht. Diese Beschreibung evoziert ein Gefühl der Melancholie und des Rückzugs, als ob die Blüte dem Vergehen entgehen möchte. Die Verwendung von Begriffen wie „gekrümmt“ und „halbverbrannten Wänden“ deutet auf eine innere Auseinandersetzung, vielleicht mit dem eigenen Vergänglichen. Das Bild der kalten Ruhestatt verstärkt den Eindruck von Tod oder dem Wunsch nach Ruhe.

Die dritte Strophe präsentiert im Kontrast dazu eine andere Blüte, die sich „lichterloh“ geöffnet hat, in der die „gelbgekrönte Samenpuppe“ prangt. Diese Blüte hat die Erfüllung in sich gefunden und scheint das Vergehen gelassen hinzunehmen. Sie „verlangt nach der Blüte nicht zurück“, was auf eine Akzeptanz des natürlichen Kreislaufs und die Sinngebung durch die Samenpuppe hinweist. Diese Gegensätze innerhalb des Gedichts veranschaulichen die verschiedenen Stadien und Aspekte des Lebens und des Todes. Durch die Gegenüberstellung der beiden Blüten verdeutlicht Dehmel die Ambivalenz der menschlichen Existenz.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.