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Ein Augenblick

Von

Um die alte Stadt auf der Promenade,
Dem bequemen, beliebten Pfade,
Den die Platanen beschatten und zieren,
Gieng ich am Sommerabend spazieren.
Ein Sonntag war’s und ein Sonnentag,
Es wandelten Leute von allerhand Schlag,
Festlich geputzt, und alle dem Volke
Stand auf dem Gesicht keine einzige Wolke.

Da kam mir im goldenen Abendschein
Entgegen ein Kinderwägelein,
Ein nett geflochtnes, auf leichten Rädchen,
Es zog ein sauberes Ulmermädchen.
Mein Blick fiel just in’s Gefährt hinein,
Da lag ein Knabe gebettet fein,
Kaum jährig etwa, sein Angesicht
Umwob ein Schimmer von Rosenlicht,
Als ruht‘ er in einem Rosenhag,
Denn in den Schatten, worin er lag,
Fiel erhellend ein Wiederschein
Vom farbigen Obdach im Wägelein,
Auch kam von außen der Glanz ergossen,
Denn ganz mit Licht war die Luft durchschossen;
Ja vom Kind auch schien es mir auszugehen,
Denn ein schöneres hab‘ ich noch nie gesehen;
Mau glaubte Herz und Auge zu laben
An einem von Raphael’s Engelknaben,
Es schwamm wie ein Bild im erleuchteten Raum,
Wie ein Feenkind, wie ein seltener Traum.

Stillbeglückt sah es vor sich hinaus
In seinem fahrenden kleinen Haus,
In seiner Welt ein kleiner König,
Lächelte auch dazu ein wenig,
Als schwebten ihm an der Zukunft Thor
Schon die allerhand lustigen Streiche vor,
Die man verübt in den Tagen der Jugend,
Welche – man weiß ja – nicht hat viel Tugend;
Er schaute so hell aus den dunkeln Augen,
Als möcht‘ er nicht immer gar zu viel taugen.

Ich sah ihn an, ich blinzte und nickte,
Schmunzelnd. Der reizende Knabe blickte
Mich an und blinzte, schmunzelte, nickte.
Gelt du, es ist eben gar was Gutes
Um’s Existiren, schmecken thut es?
Und ein bisl Spitzbüberei
Ist eben immer auch dabei?

Er hat es mir richtig im Auge gelesen,
Der Schelm, das kleine, kaum ahnende Wesen,
Er hat es verstanden und hat es bejaht,
Der liebliche Lebenskandidat.

Ich hätt‘ ihn mögen vor lauter Entzücken
Aus den Polstern heben, verküssen, verdrücken,
Doch ich sagte mir: laß es lieber gehen,
Es soll so bleiben, wie es geschehen,
Es soll bleiben ein Augenblick.

Fürbaß gieng ich, sah nicht zurück.
Ein alter Bekannter begegnete mir,
Er stellte mich, fragte: was ist’s mit dir?
Es strahlt ja ordentlich dein Gesicht,
So heiter sah ich dich lange nicht;
Wart‘, ich merk’s schon, du kommst vom Wein!
Ein guter muß es gewesen sein!
Ja, sagt‘ ich, er war nicht eben schlecht,
Noch Most, aber Ausstich, feurig und echt.

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Gedicht: Ein Augenblick von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Ein Augenblick“ von Friedrich Theodor Vischer beschreibt eine flüchtige, aber intensive Begegnung mit einem kleinen Kind, die den Erzähler tief berührt und ihm einen Moment des Glücks und der Erkenntnis beschert. Das Gedicht ist in fünf unterschiedlich lange Strophen unterteilt, welche die Beobachtung des Erzählers, die Interaktion mit dem Kind und die Reflexion des Erlebten widerspiegeln.

In den ersten beiden Strophen wird die Szenerie beschrieben: Der Spaziergang des Erzählers in einer sonnigen Sommerabendatmosphäre, an einem Sonntag, auf einer belebten Promenade. Die Beschreibung des Kindes, das in einem „Kinderwägelein“ liegt, ist von großer Aufmerksamkeit und Detailgenauigkeit geprägt. Der Knabe wird als ein Engelsgleiches Wesen mit einem „Schimmer von Rosenlicht“ beschrieben, das in einer „Feenkind“-Atmosphäre eingebettet ist. Dieser Teil des Gedichts vermittelt den Eindruck eines perfekten, idyllischen Augenblicks. Das Kind wird als der Mittelpunkt dieser Erfahrung hervorgehoben.

Die dritte Strophe offenbart die Gedanken des Kindes. Der Erzähler interpretiert den Blick des Knaben und deutet auf das Bewusstsein des Kindes von seinem eigenen Dasein, das mit spielerischer Vorfreude und einer Ahnung von den „Streichen“ der Jugend verbunden ist. Der Erzähler projiziert hier eigene Lebenserfahrungen und -erwartungen auf das Kind. Dies macht das Gedicht menschlich.

Die vierte und fünfte Strophe beschreiben die direkte Interaktion zwischen dem Erzähler und dem Kind, die durch ein stilles Verstehen und gegenseitiges Lächeln gekennzeichnet ist. Diese nonverbale Kommunikation wird als Bestätigung des positiven Lebensgefühls des Erzählers interpretiert. Das Kind scheint das Leben zu bejahen, und der Erzähler ist von Dankbarkeit überwältigt. Der Erzähler entscheidet sich jedoch, den Moment unverändert zu bewahren und ihn nicht zu unterbrechen, indem er ihn nur als „Augenblick“ genießt.

Das Gedicht endet mit einem Gespräch des Erzählers mit einem alten Bekannten, der fälschlicherweise annimmt, der Erzähler habe Wein getrunken. Der wahre Grund für die Heiterkeit des Erzählers ist jedoch das erlebte Glücksgefühl, das aus der Begegnung mit dem Kind resultiert. Diese Schlusspointe betont die Einzigartigkeit und die Nachhaltigkeit des „Augenblicks“ und unterstreicht die Kraft der kleinen, unvergesslichen Momente im Leben. Das Gedicht zeugt von einer tiefen Sehnsucht nach Einfachheit und der Fähigkeit, das Glück in den scheinbar unscheinbaren Dingen des Lebens zu finden.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.