Ein Augenblick
1823Um die alte Stadt auf der Promenade, Dem bequemen, beliebten Pfade, Den die Platanen beschatten und zieren, Gieng ich am Sommerabend spazieren. Ein Sonntag war’s und ein Sonnentag, Es wandelten Leute von allerhand Schlag, Festlich geputzt, und alle dem Volke Stand auf dem Gesicht keine einzige Wolke.
Da kam mir im goldenen Abendschein Entgegen ein Kinderwägelein, Ein nett geflochtnes, auf leichten Rädchen, Es zog ein sauberes Ulmermädchen. Mein Blick fiel just in’s Gefährt hinein, Da lag ein Knabe gebettet fein, Kaum jährig etwa, sein Angesicht Umwob ein Schimmer von Rosenlicht, Als ruht’ er in einem Rosenhag, Denn in den Schatten, worin er lag, Fiel erhellend ein Wiederschein Vom farbigen Obdach im Wägelein, Auch kam von außen der Glanz ergossen, Denn ganz mit Licht war die Luft durchschossen; Ja vom Kind auch schien es mir auszugehen, Denn ein schöneres hab’ ich noch nie gesehen; Mau glaubte Herz und Auge zu laben An einem von Raphael’s Engelknaben, Es schwamm wie ein Bild im erleuchteten Raum, Wie ein Feenkind, wie ein seltener Traum.
Stillbeglückt sah es vor sich hinaus In seinem fahrenden kleinen Haus, In seiner Welt ein kleiner König, Lächelte auch dazu ein wenig, Als schwebten ihm an der Zukunft Thor Schon die allerhand lustigen Streiche vor, Die man verübt in den Tagen der Jugend, Welche – man weiß ja – nicht hat viel Tugend; Er schaute so hell aus den dunkeln Augen, Als möcht’ er nicht immer gar zu viel taugen.
Ich sah ihn an, ich blinzte und nickte, Schmunzelnd. Der reizende Knabe blickte Mich an und blinzte, schmunzelte, nickte. Gelt du, es ist eben gar was Gutes Um’s Existiren, schmecken thut es? Und ein bisl Spitzbüberei Ist eben immer auch dabei?
Er hat es mir richtig im Auge gelesen, Der Schelm, das kleine, kaum ahnende Wesen, Er hat es verstanden und hat es bejaht, Der liebliche Lebenskandidat.
Ich hätt’ ihn mögen vor lauter Entzücken Aus den Polstern heben, verküssen, verdrücken, Doch ich sagte mir: laß es lieber gehen, Es soll so bleiben, wie es geschehen, Es soll bleiben ein Augenblick.
Fürbaß gieng ich, sah nicht zurück. Ein alter Bekannter begegnete mir, Er stellte mich, fragte: was ist’s mit dir? Es strahlt ja ordentlich dein Gesicht, So heiter sah ich dich lange nicht; Wart’, ich merk’s schon, du kommst vom Wein! Ein guter muß es gewesen sein! Ja, sagt’ ich, er war nicht eben schlecht, Noch Most, aber Ausstich, feurig und echt.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Ein Augenblick" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt einen Moment der Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und einem Kind, der für den Sprecher von großer Bedeutung ist. Die Szenerie wird zu Beginn in einer idyllischen Sommerabendstimmung geschildert, in der der Sprecher durch eine belebte Promenade geht. Die Atmosphäre ist festlich und harmonisch, was durch die Beschreibung der Menschen und ihrer Gesichter ohne "einzige Wolke" unterstrichen wird. Die eigentliche Begegnung findet statt, als dem Sprecher ein Kinderwagen entgegenkommt, in dem ein kleiner Junge liegt. Das Kind wird in höchsten Tönen gelobt und mit einem Engel aus einem Gemälde von Raffael verglichen. Die Beschreibung des Kindes ist durchzogen von einer fast überirdischen Schönheit und einem inneren Glanz, der sowohl vom äußeren Licht als auch vom Kind selbst auszugehen scheint. Der Junge wird als "kleiner König" in seiner "Welt" dargestellt, der mit einem Lächeln und einem Funkeln in den Augen auf die Zukunft blickt. Die Interaktion zwischen dem lyrischen Ich und dem Kind ist von einer stillen Verständigung geprägt. Sie tauschen Blicke und Gesten aus, die eine tiefe, wenn auch unausgesprochene Verbindung herstellen. Der Sprecher erkennt im Kind einen Sinn für das Leben und eine Prise von Schelmerei, was ihm eine Art Bestätigung für die Existenz und deren Genuss zu sein scheint. Die Begegnung endet abrupt, als der Sprecher weitergeht, ohne zurückzublicken, und von einem Bekannten gefragt wird, was ihn so erheitert habe. Die Antwort des Sprechers, dass er "vom Wein" komme, ist eine Metapher für die tief empfundene, aber vergängliche Erfahrung, die er gerade gemacht hat. Der Augenblick bleibt als kostbares, unberührtes Erlebnis bestehen, das nicht durch weiteres Nachdenken oder Handeln getrübt werden soll.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Festlich gefetzt, und alle dem Volke
- Anspielung
- An einem von Raphael's Engelknaben
- Bildsprache
- Um die alte Stadt auf der Promenade, Dem bequemen, beliebten Pfade, Den die Platanen beschatten und zieren
- Enjambement
- Ich hätt' ihn mögen vor lauter Entzücken Aus den Polstern heben, verküssen, verdrücken
- Hyperbel
- Denn ein schöneres hab' ich noch nie gesehen
- Ironie
- Welche – man weiß ja – nicht hat viel Tugend
- Kontrast
- Es schwamm wie ein Bild im erleuchteten Raum, Wie ein Feenkind, wie ein seltener Traum
- Metapher
- Ein Sonntag war's und ein Sonnentag, Es wandelten Leute von allerhand Schlag
- Parallelismus
- Er hat es mir richtig im Auge gelesen, Der Schelm, das kleine, kaum ahnende Wesen, Er hat es verstanden und hat es bejaht
- Personifikation
- Es strahlt ja ordentlich dein Gesicht
- Reim
- Es strahlt ja ordentlich dein Gesicht, So heiter sah ich dich lange nicht
- Symbolik
- Um die alte Stadt auf der Promenade
- Vergleich
- Als ruht' er in einem Rosenhag