Ein Abschied
1883›Du willst nun gehn?‹ Weisst du denn nicht, dass ich schon lang von dir gegangen bin? Dass nur ein Schatten noch, ein Schein vor deinen Augen steht, den du nur siehst?
Fest glaubt ich mich gewappnet mit dem Panzerhemd heiter klirrenden Hasses wider eine Welt, nur wenige Eisenmaschen standen offen noch von ungefähr – die fandest du und trafst mich gut!
Wie einsam war ich schon – und war′s noch nicht genug! Jetzt kann ich erst leicht mit vielen spöttisch und freundlich sein, in Stunden, wo der Ekel überlistet ist – jetzt tanzen die Götter mir auf der flachen Hand! Und das dank ich dir und meinem geflickten Eisenwamms.
Du aber wusstest nicht, was du gethan – du stehst und fragst: ›Du willst nun gehn?‹ – Und bin doch schon so weit! – O sichre dir in der Brust dein umfühlend Herz –: Wertvolleres Erbteil spendet uns die Erde nicht.
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Interpretation
Das Gedicht "Ein Abschied" von Otto Erich Hartleben handelt von einem inneren Abschied und der Befreiung von emotionalen Fesseln. Der Sprecher hat sich bereits lange von der angesprochenen Person emotional distanziert, die nur noch als Schatten oder Illusion in dessen Leben existiert. Die Person ist sich dessen nicht bewusst und fragt, ob der Sprecher gehen wolle, was die Diskrepanz zwischen innerem Zustand und äußerer Wahrnehmung verdeutlicht. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt, wie der Sprecher durch die Erfahrung mit dieser Person einen emotionalen Panzer aus "heiter klirrendem Hass" entwickelt hat, der ihn vor der Welt schützt. Doch gerade durch die angesprochene Person fand diese Person eine Schwachstelle in diesem Panzer, was zu einer tiefen Verletzung führte. Diese Erfahrung machte den Sprecher zunächst noch einsamer, führte aber letztendlich zu einer Art emotionaler Befreiung. Der Sprecher kann nun leichter mit anderen umgehen, sich spöttisch und freundlich verhalten und fühlt sich fast übermenschlich stark ("tanzen die Götter mir auf der flachen Hand"). Das Gedicht schließt mit einer Warnung an die angesprochene Person, die nicht versteht, was sie angerichtet hat. Der Sprecher rät ihr, ihr Herz in der Brust zu sichern, da es das wertvollste Erbe ist, das die Erde zu bieten hat. Dies kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass emotionale Offenheit und Verletzlichkeit kostbar sind und geschützt werden sollten. Das Gedicht thematisiert also die Komplexität menschlicher Beziehungen, die transformative Kraft von Schmerz und die Bedeutung von emotionaler Selbstfürsorge.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- O sichre dir in der Brust dein umfühlend Herz
- Ironie
- Wie einsam war ich schon – und war's noch nicht genug!
- Metapher
- meinem geflickten Eisenwamms
- Personifikation
- Jetzt tanzen die Götter mir auf der flachen Hand
- Rhetorische Frage
- Weisst du denn nicht, dass ich schon lang von dir gegangen bin?