Ebenbild unseres Lebens
1616Der Mensch, das Spiel der Zeit, spielt, weil er allhie lebt im Schauplatz dieser Welt; er sitzt, und doch nicht feste. Der steigt, und jener fällt, der suchet die Paläste und der ein schlechtes Dach; der herrscht, und jener webt.
Was gestern war, ist hin; was itzt das Glück erhebt, wird morgen untergehn; die vorhin grüne Äste sind nunmehr dürr und tot; wir Armen sind nur Gäste, ob den′ ein scharfes Schwert an zarter Seide schwebt.
Wir sind zwar gleich am Fleisch, doch nicht vom gleichem Stande: Der trägt ein Purpurkleid, und jener gräbt im Sande, bis nach entraubtem Schmuck der Tod uns gleiche macht.
Spielt denn dies ernste Spiel, weil es die Zeit noch leidet, und lernt, dass wenn man vom Bankett des Lebens scheidet, Kron, Weisheit, Stärk und Gut sei eine leere Pracht!
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Interpretation
Das Gedicht "Ebenbild unseres Lebens" von Andreas Gryphius behandelt die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Unbeständigkeit des Glücks. Es beschreibt, wie Menschen auf der Bühne der Welt agieren, auf- und absteigen, nach Palästen streben oder in einfachen Behausungen leben. Gryphius betont, dass das, was gestern war, vorbei ist und das, was heute glücklich macht, morgen vergehen wird. Die grünen Äste, die einst voller Leben waren, sind nun trocken und tot. Die Menschen sind nur Gäste auf dieser Welt, denen ein scharfes Schwert über dem Kopf schwebt. Gryphius verdeutlicht, dass Menschen zwar aus Fleisch und Blut bestehen, aber nicht denselben Stand oder Status haben. Einige tragen Purpurkleider und herrschen, während andere im Sand graben und hart arbeiten. Doch am Ende macht der Tod alle gleich, unabhängig von ihrem irdischen Besitz oder ihrer Stellung. Das Gedicht fordert die Menschen auf, dieses ernste Spiel des Lebens zu spielen, solange die Zeit es noch zulässt, und zu erkennen, dass Kronen, Weisheit, Stärke und Güter nur leere Pracht sind, wenn man vom Bankett des Lebens Abschied nimmt. Insgesamt vermittelt Gryphius eine düstere und nachdenkliche Botschaft über die Vergänglichkeit des Lebens und die Nichtigkeit weltlicher Güter. Er ermahnt die Menschen, sich bewusst zu sein, dass ihr Dasein vergänglich ist und dass sie am Ende alle gleich sein werden. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die wahre Bedeutung des Lebens und die Wichtigkeit an, über die vergänglichen Dinge dieser Welt hinauszublicken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- weil es die Zeit noch leidet
- Hyperbel
- an zarter Seide schwebt
- Kontrast
- bis nach entraubtem Schmuck der Tod uns gleiche macht
- Metapher
- ob den ein scharfes Schwert an zarter Seide schwebt
- Parallelismus
- Der steigt, und jener fällt, der suchet die Paläste und der ein schlechtes Dach
- Personifikation
- die Zeit noch leidet