Dunkle Betrachtung

Wilhelm Jordan

1819

Wer weiß es, ob nicht doch Aegypten In seinen kühlen Felsenkrypten, Im Bauch granitner Pyramiden Ersann den besten Grabesfrieden? Wer weiß wie schwer die Theile tragen An der Verwesung leisem Nagen Zu der im Sarg wir sie verdammen? Ob ihre trägen finstern Flammen Wann sie zerstörend Neues brüten In jedem nicht wie Zahnschmerz wüthen? So dankt vielleicht dem Leichenarzte, Der ihr den Weg in′s Fleisch verharzte, Das für Jahrtausende dem Strom Der Noth entrissene Atom.

Dann ist es frei von Trieb und Pflicht, Taub für den Ton, blind für das Licht; Sein Amt ist nur des Steines Thun Und ohne Werden darf es ruhn. Dann spürt es nicht des Hungers Gier Noch jenen eiteln Drang nach Zier Der eifrig selbst im Grashalm waltet, Die Blume schminkt und schön gestaltet.

Was, wann ein Sturm die Welt durchjagt, In seinem Brausen ächzt und klagt, Es ist vielleicht ein stolzer Gram, Ein Laut des Zornes und der Schaam Nach höchstem irdischem Berufe Zu fröhnen auf der tiefsten Stufe.

Was jetzt verdammt ist mit Gestöhn Von Süden her als heißer Föhn Vom Alpenhaupt den Schnee zu schmelzen, Lawinen in das Thal zu wälzen, Mit Schlamm und Fluth in wilden Bächen Das Werk der Menschenhand zu brechen, Zu rütteln an der Dome Thürmen Und stolze Kuppeln einzustürmen: Enthält vielleicht, gelöst in Dunst, Das Herz und Hirn voll Götterkunst Die rohen Stein im ewgen Rom Emporkrystallt zum Petersdom.

Was jetzt die plumpe Mißgestalt Des Stachelcactus treibend ballt, Nahm einen Theil vielleicht gefangen Von dem, was grausig schön die Schlangen Um den Laokoon geschnürt, Wohl gar am Meißel mitgeführt Durch den Homer im Stoff geschah Als Zeusbild von Olympia.

Da man von Sand und Asche schmolz Den Glasschmuck, den setzt frechheitsstolz, Entweibt und jedem Bieter feil, Um ihren Hals dies Gegentheil Der heiligen Madonna legt Wann sie sich selbst zu Markte trägt –: Wo ist auf dieser Wechselbühne Der Staubgestalten wohl der Kühne Der sich der Bürgschaft unterzieht Daß da nicht mit hineingerieth Zum Stoff des unächten Juwels Ein Theil vom Auge Rafaels?

Ja, wann, examenweisheitstrotzend, Aus goldgefaßter Brille glotzend, Der strenge Herr Geheimerath Ermittelt, ob auf seinen Draht Gezogen sei mit Haut und Haar Der bebende Referendar; Ob auch kein eigener Gedanke Doch irgendwo sein Hirn durchranke; Ob sein Gedächtniß, vorschriftsmäßig In allen Stücken, recht gefräßig Verschlungen jeden Paragraphen Der höchsten Kunst: ein Volk im Schlafen Und ohne böser Träume Drücken Dem Reglement nach zu beglücken –: Zwar liegt es fern und wäre gräßlich, Doch wer beweist mir ganz verläßlich Daß nicht in seinem Schädelbein Durchzuckt von grauenvoller Pein Ein Stäubchen ächzt vor Höllenzwang Vom Hirn aus dem der Hamlet sprang?

Ja, das erst ist der höchste Schrecken In schlechter Menschenhaut zu stecken.

Mir hat bisher mein Erdenwallen Im Ganzen viel zu wohl gefallen Um einmal noch dieselbe Fahrt Zu wiederholen andersart.

Als Leopard im Rohr zu liegen, Als Kauz auf Mäusejagd zu fliegen, Als Woge Felsen zu umbranden, Ertränkte Leichen spät zu landen; Vor Wuth zu stöhnen im Orkane, Ja, selbst mit giftgefülltem Zahne Die Beute tückisch zu erlisten, Ein Schlangendasein so zu fristen –: Verdammniß wär′s, und nichts als Stein sein Muß Glück, verglichen solcher Pein, sein; Doch Alles das ertrüg′ ich lieber Als über Glück vor Wuth zu beben, Und mit des Neides Höllenfieber Behaftet als ein Mensch zu leben.

So wünscht′ ich, daß im Erdenschooß Mein Staub Aeonen werdelos Vom Wirbelsturm des Wollens raste Nachdem dem dankbar satten Gaste Das Mahl des Daseins wohl geschmeckt. Doch hättest du kein Selbstvergessen, Natur, und müßt′ er neu geweckt Rastlos dies Labyrinth durchmessen –: So laß ihn ringen, laß ihn dulden, So laß ihn zahlen seine Schulden Für Lebensfreude mit Beschwerden. So laß ihn alles, alles werden, Nur keinen Nipsenpoetaster Dem wie ein Spanischfliegenpflaster Der Andern Kunst im Nacken brennt Dieweil er selber impotent. Ja, lieber Alles leiden müssen Als neiden müssen.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Dunkle Betrachtung

Interpretation

Das Gedicht "Dunkle Betrachtung" von Wilhelm Jordan thematisiert die Ambivalenz des menschlichen Daseins und die Frage nach einem würdevollen Tod. Der Sprecher reflektiert über die ägyptische Bestattungskultur und fragt sich, ob die Mumifizierung nicht eine Art Erlösung von den Qualen des Verfalls darstellt. Er imaginiert, dass die konservierten Körperteile frei von Trieb und Pflicht sind, taub und blind, und lediglich das tun, was Steine tun: ruhig daliegen. Im weiteren Verlauf des Gedichts zieht der Sprecher Parallelen zwischen den Elementen der Natur und den menschlichen Leidenschaften. Stürme, Föhne und Lawinen werden als Ausdruck von Stolz, Zorn und Scham interpretiert. Selbst die Schöpfungen der Kunst, wie der Petersdom oder der Laokoon, werden als verdichtete Formen von Leid und Schönheit gesehen. Der Sprecher fragt sich, ob nicht auch in den scheinbar profanen Dingen des Lebens, wie Modeschmuck oder dem strengen Prüfer, ein Hauch von Größe oder Genie steckt. Das Gedicht kulminiert in der Feststellung, dass das größte Grauen nicht das Tierische oder das Steinerne ist, sondern das Menschsein selbst. Der Sprecher zieht es vor, als Tier oder als Stein zu existieren, als Mensch jedoch fürchtet er die Hölle des Neides und der Unzufriedenheit. Er wünscht sich, nach dem Tod in der Erde zu ruhen, frei von den Wirbeln des Wollens, aber wenn die Natur ihn neu wecken sollte, dann möge er alles durchstehen, nur nicht zum neidischen und impotenten Dichter werden.

Schlüsselwörter

wann vielleicht laß selbst hirn weiß jedem schön

Wortwolke

Wortwolke zu Dunkle Betrachtung

Stilmittel

Alliteration
Wer weiß es, ob nicht doch Aegypten
Metapher
Der Nipsenpoetaster
Personifikation
Die Blume schminkt und schön gestaltet
Vergleich
wie Zahnschmerz wüthen