Duineser Elegien 8
1875Mit allen Augen sieht die Kreatur das Offene. Nur unsre Augen sind wie umgekehrt und ganz um sie gestellt als Fallen, rings um ihren freien Ausgang. Was draußen ist, wir wissens aus des Tiers Antlitz allein; denn schon das frühe Kind wenden wir um und zwingens, daß es rückwärts Gestaltung sehe, nicht das Offne, das im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod. Ihn sehen wir allein; das freie Tier hat seinen Untergang stets hinter sich und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen. Wir haben nie, nicht einen einzigen Tag, den reinen Raum vor uns, in den die Blumen unendlich aufgehn. Immer ist es Welt und niemals Nirgends ohne Nicht: das Reine, Unüberwachte, das man atmet und unendlich weiß und nicht begehrt. Als Kind verliert sich eins im stilln an dies und wird gerüttelt. Oder jener stirbt uns ists. Denn nah am Tod sieht man den Tod nicht mehr und starrt hinaus, vielleicht mit großem Tierblick. Liebende, wäre nicht der andre, der die Sicht verstellt, sind nah daran und staunen . . . Wie aus Versehn ist ihnen aufgetan hinter dem andern . . . Aber über ihn kommt keiner fort, und wieder wird ihm Welt. Der Schöpfung immer zugewendet, sehn wir nur auf ihr die Spiegelung des Frei′n, von uns verdunkelt. Oder daß ein Tier, ein stummes, aufschaut, ruhig durch uns durch. Dieses heißt Schicksal: gegenüber sein und nichts als das und immer gegenüber.
Wäre Bewußtheit unsrer Art in dem sicheren Tier, das uns entgegenzieht in anderer Richtung -, riß es uns herum mit seinem Wandel. Doch sein Sein ist ihm unendlich, ungefaßt und ohne Blick auf seinen Zustand, rein, so wie sein Ausblick. Und wo wir Zukunft sehn, dort sieht es alles und sich in allem und geheilt für immer.
Und doch ist in dem wachsam warmen Tier Gewicht und Sorge einer großen Schwermut. Denn ihm auch haftet immer an, was uns oft überwältigt, - die Erinnerung, als sei schon einmal das, wonach man drängt, näher gewesen, treuer und sein Anschluß unendlich zärtlich. Hier ist alles Abstand, und dort wars Atem. Nach der ersten Heimat ist ihm die zweite zwitterig und windig. O Seligkeit der kleinen Kreatur, die immer bleibt im Schooße, der sie austrug; o Glück der Mücke, die noch innen hüpft, selbst wenn sie Hochzeit hat: denn Schooß ist alles. Und sieh die halbe Sicherheit des Vogels, der beinah beides weiß aus seinem Ursprung, als wär er eine Seele der Etrusker, aus einem Toten, den ein Raum empfing, doch mit der ruhenden Figur als Deckel. Und wie bestürzt ist eins, das fliegen muß und stammt aus einem Schooß. Wie vor sich selbst erschreckt, durchzuckts die Luft, wie wenn ein Sprung durch eine Tasse geht. So reißt die Spur der Fledermaus durchs Porzellan des Abends.
Und wir: Zuschauer, immer, überall, dem allen zugewandt und nie hinaus! Uns überfüllts. Wir ordnens. Es zerfällt. Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.
Wer hat uns also umgedreht, daß wir, was wir auch tun, in jener Haltung sind von einem, welcher fortgeht? Wie er auf dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt -, so leben wir und nehmen immer Abschied.
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Interpretation
Das Gedicht "Duineser Elegien 8" von Rainer Maria Rilke handelt von der menschlichen Existenz und ihrem Verhältnis zur Natur und zum Universum. Das zentrale Thema ist die Idee, dass Menschen im Gegensatz zu Tieren nicht in der Lage sind, das "Offene" - einen reinen, unendlichen Raum - wahrzunehmen, da sie ständig von der Welt um sie herum abgelenkt und überwältigt werden. Stattdessen sind sie gezwungen, sich auf die materielle Welt zu konzentrieren und ihre Existenz durch die Brille des Todes zu betrachten. Rilke verwendet das Bild des Tieres als Metapher für ein Wesen, das in Harmonie mit der Natur lebt und den Tod als natürlichen Teil des Lebens akzeptiert. Tiere sind in der Lage, das "Offene" zu sehen und zu erleben, da sie nicht von der Last des Bewusstseins und der Erinnerung belastet sind. Sie leben in der Gegenwart und sind in der Lage, sich mit dem Universum zu verbinden, ohne von der Angst vor dem Tod oder der Sehnsucht nach der Vergangenheit geplagt zu werden. Der Mensch hingegen ist ein "Zuschauer", der ständig versucht, die Welt um sich herum zu ordnen und zu kontrollieren, aber dabei selbst zerfällt. Er ist unfähig, das "Offene" zu erfahren und ist stattdessen in einer Haltung des Abschieds gefangen, die sein ganzes Leben durchdringt. Rilke deutet an, dass der Mensch seine Perspektive ändern und sich von der Last des Bewusstseins befreien muss, um das "Offene" zu erkennen und ein erfüllteres Leben zu führen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- So leben wir und nehmen immer Abschied