Duineser Elegien 6
1912Feigenbaum, seit wie lange schon ists mir bedeutend, wie du die Blüte beinah ganz überschlägst und hinein in die zeitig entschlossene Frucht, ungerühmt, drängst dein reines Geheimnis. Wie der Fontäne Rohr treibt dein gebognes Gezweig abwärts den Saft und hinan: und er springt aus dem Schlaf, fast nicht erwachend, ins Glück seiner süßesten Leistung. Sieh: wie der Gott in den Schwan. . . . . . . Wir aber verweilen, ach, uns rühmt es zu blühn, und ins verspätete Innre unserer endlichen Frucht gehn wir verraten hinein. Wenigen steigt so stark der Andrang des Handelns, daß sie schon anstehn und glühn in der Fülle des Herzens, wenn die Verführung zum Blühn wie gelinderte Nachtluft ihnen die Jugend des Munds, ihnen die Lider berührt: Helden vielleicht und den frühe Hinüberbestimmten, denen der gärtnernde Tod anders die Adern verbiegt. Diese stürzen dahin: dem eigenen Lächeln sind sie voran, wie das Rossegespann in den milden muldigen Bildern von Karnak dem siegenden König.
Wunderlich nah ist der Held doch den jugendlich Toten. Dauern ficht ihn nicht an. Sein Aufgang ist Dasein; beständig nimmt er sich fort und tritt ins veränderte Sternbild seiner steten Gefahr. Dort fänden ihn wenige. Aber, das uns finster verschweigt, das plötzlich begeisterte Schicksal singt ihn hinein in den Sturm seiner aufrauschenden Welt. Hör ich doch keinen wie ihn. Auf einmal durchgeht mich mit der strömenden Luft sein verdunkelter Ton.
Dann, wie verbärg ich mich gern vor der Sehnsucht: O wär ich, wär ich ein Knabe und dürft es noch werden und säße in die künftigen Arme gestützt und läse von Simson, wie seine Mutter erst nichts und dann alles gebar.
War er nicht Held schon in dir, o Mutter, begann nicht dort schon, in dir, seine herrische Auswahl? Tausende brauten im Schooß und wollten er sein, aber sieh: er ergriff und ließ aus, wählte und konnte. Und wenn er Säulen zerstieß, so wars, da er ausbrach aus der Welt deines Leibs in die engere Welt, wo er weiter wählte und konnte. O Mütter der Helden, o Ursprung reißender Ströme! Ihr Schluchten, in die sich hoch von dem Herzrand, klagend, schon die Mädchen gestürzt, künftig die Opfer dem Sohn. Denn hinstürmte der Held durch Aufenthalte der Liebe, jeder hob ihn hinaus, jeder ihn meinende Herzschlag, abgewendet schon, stand er am Ende der Lächeln, - anders.
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Interpretation
Das Gedicht "Duineser Elegien 6" von Rainer Maria Rilke beschäftigt sich mit der Natur des Heldentums und der menschlichen Existenz. Rilke vergleicht den Feigenbaum, der seine Blüte schnell in Frucht verwandelt, mit dem Helden, der direkt ins Handeln übergeht, ohne lange zu zögern. Der Held wird als jemand dargestellt, der sich ständig in Gefahr begibt und sich selbst immer wieder erneuert, ähnlich wie der Feigenbaum, der ungerühmt sein Geheimnis in die Frucht drängt. Rilke reflektiert über die Seltenheit solcher Helden und die Schwierigkeit, sie zu verstehen. Der Held wird als jemand beschrieben, der sich nicht an die Vergangenheit klammert, sondern ständig in die Zukunft blickt und sich in neue Herausforderungen stürzt. Der Dichter drückt seine Bewunderung für solche Helden aus, fühlt sich aber auch von ihrer Intensität überwältigt und sehnt sich danach, selbst Teil dieser heroischen Welt zu sein. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich Rilke der Figur des Simson zu, einem biblischen Helden, und reflektiert über die Rolle der Mutter bei der Geburt eines Helden. Er stellt die Frage, ob der Held nicht schon in der Mutter existierte, bevor er geboren wurde, und ob die Mutter nicht die erste Wahl des Helden war. Rilke betont die Opferbereitschaft der Mütter von Helden und die Intensität ihrer Liebe, die den Helden auf seinem Weg begleitet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wie gelinderte Nachtluft ihnen die Jugend des Munds, ihnen die Lider berührt
- Hyperbel
- Tausende brauten im Schooß und wollten er sein
- Metapher
- Feigenbaum... wie du die Blüte beinah ganz überschlägst und hinein in die zeitig entschlossene Frucht, ungerühmt, drängst dein reines Geheimnis
- Personifikation
- denn hinstürmte der Held durch Aufenthalte der Liebe, jeder hob ihn hinaus, jeder ihn meinende Herzschlag
- Symbolik
- der gärtnernde Tod
- Vergleich
- Wie der Fontäne Rohr treibt dein gebognes Gezweig abwärts den Saft und hinan