Du willst es nicht in Worten sagen

Theodor Storm

1843

Du willst es nicht in Worten sagen; Doch legst du′s brennend Mund auf Mund, Und deiner Pulse tiefes Schlagen Tut liebliches Geheimnis kund.

Du fliehst vor mir, du scheue Taube, Und drückst dich fest an meine Brust; Du bist der Liebe schon zum Raube Und bist dir kaum des Worts bewußt.

Du biegst den schlanken Leib mir ferne, Indes dein roter Mund mich küßt; Behalten möchtest du dich gerne, Da du doch ganz verloren bist.

Du fühlst, wir können nicht verzichten; Warum zu geben scheust du noch? Du mußt die ganze Schuld entrichten, Du mußt, gewiß, du mußt es doch.

In Sehnen halb und halb in Bangen, Am Ende rinnt die Schale voll; Die holde Scham ist nur empfangen, Daß sie in Liebe sterben soll.

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Illustration zu Du willst es nicht in Worten sagen

Interpretation

Das Gedicht "Du willst es nicht in Worten sagen" von Theodor Storm beschreibt die Intensität und die Ambivalenz einer leidenschaftlichen Liebesbegegnung. Der Sprecher erkennt die innere Zerrissenheit seiner Geliebten, die zwar ihre Gefühle nicht in Worte fassen möchte, diese aber durch ihre körperliche Reaktion eindeutig zum Ausdruck bringt. Die "brennende" Berührung und das "tiefe Schlagen" der Pulse verraten das "liebliche Geheimnis" ihrer Leidenschaft. Die Geliebte wird als scheue Taube dargestellt, die zwar vor dem Sprecher flieht, sich aber gleichzeitig fest an seine Brust drückt. Sie ist bereits "der Liebe zum Raube" geworden, ohne sich dessen bewusst zu sein. Der Sprecher bemerkt ihre innere Zerrissenheit, da sie sich körperlich hingibt, aber gleichzeitig versucht, sich zu bewahren. Die Bilder des "schlanken Leibs" und des "roten Mundes" unterstreichen die sinnliche Natur der Begegnung. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Geliebte sich ihrer Leidenschaft nicht entziehen kann. Der Sprecher fordert sie auf, sich vollständig hinzugeben, da sie "die ganze Schuld entrichten" und sich der Liebe hingeben muss. Die letzte Strophe beschreibt den Höhepunkt der Begegnung, bei der die "holde Scham" überwunden wird und die Geliebte in der Liebe "sterben" kann, was als Metapher für die vollkommene Hingabe und Verschmelzung der beiden Liebenden verstanden werden kann.

Schlüsselwörter

mund mußt liebe halb willst worten sagen legst

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Stilmittel

Bildsprache
Dein roter Mund
Hyperbel
Du mußt die ganze Schuld entrichten
Kontrast
In Sehnen halb und halb in Bangen
Metapher
Du fliehst vor mir, du scheue Taube
Personifikation
Deiner Pulse tiefes Schlagen tut liebliches Geheimnis kund
Symbolik
Die holde Scham ist nur empfangen, Daß sie in Liebe sterben soll