Du sprichst: Ich liebe nicht
1654Du sprichst: Ich liebe nicht/ und dein hoffertiges Gesicht hat bald den Spiegel durchgebohret. Du gehst durch alle Gassen schwänzen und findst dich gern bey Hochzeit-tänzen. Sonst stehstu an der Tühr und liegst am Fenster für und für. Florille/ Mein! sind diß der keuschheit Werke/ die Buhler durch die Augen anzulokken? Mein! bleibe bey dem Rokken. Doch nein. Solltstu dich nicht den Leuten weisen/ wer kennt′ und würde dich vor eine Keusche preisen?
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Interpretation
Das Gedicht "Du sprichst: Ich liebe nicht" von Kaspar Stieler ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Heuchelei und Verlogenheit einer Frau, die vorgibt, keusch zu sein, aber in Wirklichkeit nach Aufmerksamkeit und Anerkennung von Männern strebt. Der Titel deutet bereits darauf hin, dass die Protagonistin ihre wahren Gefühle und Absichten verschleiert. Der erste Vers "Du sprichst: Ich liebe nicht" suggeriert, dass die Frau ihre Abneigung gegenüber der Liebe betont, was jedoch im Widerspruch zu ihrem Verhalten steht. Der Dichter beschreibt ihr "hoffartiges Gesicht", das den Spiegel durchbohrt hat, was darauf hindeutet, dass sie sich selbst bewundert und ihre eigene Schönheit über alles stellt. Die Verse "Du gehst durch alle Gassen schwänzen und findst dich gern bey Hochzeit-tänzen" verdeutlichen das aufreizende und verführerische Verhalten der Frau. Sie bewegt sich gerne durch die Straßen und nimmt gerne an Hochzeitsfeiern teil, um die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu ziehen. Der Dichter verwendet das Wort "schwänzen", um ihre kokette und leichtfertige Art zu beschreiben. Die Zeilen "Sonst stehstu an der Tühr und liegst am Fenster für und für" zeigen, dass die Frau ständig darauf bedacht ist, beobachtet und bewundert zu werden. Sie positioniert sich an Türen und Fenstern, um ihre Schönheit zur Schau zu stellen und die Blicke der Männer auf sich zu lenken. Der Dichter verwendet den Namen "Florille" als Anspielung auf die Frau und fragt, ob dies die Werke der Keuschheit seien. Er wirft ihr vor, durch ihre Augen Buhler (Liebhaber) anzulocken und fordert sie auf, bei ihrem Rock zu bleiben und nicht weiterhin die Männer zu verführen. Der letzte Vers "Doch nein. Solltstu dich nicht den Leuten weisen/ wer kennt′ und würde dich vor eine Keusche preisen?" verdeutlicht die Verurteilung des Dichters. Er stellt die Frage, ob die Frau nicht besser daran täte, sich nicht als keusch auszugeben, da niemand sie dafür halten würde. Der Dichter kritisiert ihre Heuchelei und fordert sie auf, ehrlich zu sein.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbole
- und findst dich gern bey Hochzeit-tänzen
- Imagery
- Du gehst durch alle Gassen schwänzen
- Irony
- Mein! bleibe bey dem Rokken
- Metaphor
- dein hoffertiges Gesicht hat bald den Spiegel durchgebohret
- Repetition
- und liegst am Fenster für und für
- Rhetorical Question
- Florille/ Mein! sind diß der keuschheit Werke/ die Buhler durch die Augen anzulokken?