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Du sprichst: Ich liebe nicht

Von

Du sprichst: Ich liebe nicht/
und dein hoffertiges Gesicht
hat bald den Spiegel durchgebohret.
Du gehst durch alle Gassen schwänzen
und findst dich gern bey Hochzeit-tänzen.
Sonst stehstu an der Tühr
und liegst am Fenster für und für.
Florille/ Mein! sind diß der keuschheit Werke/
die Buhler durch die Augen anzulokken?
Mein! bleibe bey dem Rokken.
Doch nein. Solltstu dich nicht den Leuten weisen/
wer kennt′ und würde dich vor eine Keusche preisen?

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Gedicht: Du sprichst: Ich liebe nicht von Kaspar Stieler

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Du sprichst: Ich liebe nicht“ von Kaspar Stieler ist eine bissige Kritik an einer Frau, die vorgibt, nicht zu lieben, aber widersprüchliches Verhalten an den Tag legt. Es handelt sich um eine sprachlich pointierte Auseinandersetzung mit Heuchelei und dem Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, verpackt in einer Form, die an einen moralisierenden Tadel erinnert. Der Autor entlarvt die Protagonistin, indem er ihre Worte und Taten einander gegenüberstellt.

Der erste Teil des Gedichts, in dem die Frau erklärt, sie liebe nicht, wird durch die Beschreibung ihres „hoffertigen Gesichts“ konterkariert. Dieses Gesicht, das fast schon den Spiegel durchbohrt, deutet auf Stolz und Überheblichkeit hin, könnte aber auch als Hinweis auf die Selbstdarstellungssucht der Frau interpretiert werden. Die folgenden Verse beschreiben ihr Verhalten: Sie geht durch die Gassen, tanzt auf Hochzeiten und steht an Türen und Fenstern. Diese Aktivitäten lassen vermuten, dass sie sich in der Öffentlichkeit präsentiert, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Der zweite Teil des Gedichts nimmt eine rhetorische Form an und wendet sich direkt an die Frau. Die Frage „Florille/ Mein! sind diß der keuschheit Werke/ die Buhler durch die Augen anzulokken?“ verdeutlicht die Doppelmoral der Frau. Florille, so der Name der Angesprochenen, scheint durch ihr Verhalten Männer anzuziehen, obwohl sie vorgibt, nicht zu lieben. Die Frage ist also weniger eine Frage als vielmehr eine Anklage. Die anschließende Aufforderung „Mein! bleibe bey dem Rokken“ fordert Florille auf, sich ihrem vermeintlichen Ideal der Keuschheit entsprechend zu verhalten.

Der abschließende Teil des Gedichts relativiert diese Forderung. Die rhetorische Frage „Doch nein. Solltstu dich nicht den Leuten weisen/ wer kennt′ und würde dich vor eine Keusche preisen?“ deutet an, dass die Frau auf die öffentliche Aufmerksamkeit angewiesen ist. Würde sie sich zurückziehen, würde ihre „Keuschheit“ von niemandem anerkannt werden. Das Gedicht endet also mit einer subtilen Ironie, die auf die Eitelkeit der Frau anspielt und das Dilemma zwischen Anspruch und gesellschaftlicher Anerkennung aufzeigt. Es ist ein scharfer Kommentar zur Oberflächlichkeit und dem Streben nach Aufmerksamkeit in einer Gesellschaft, in der die öffentliche Meinung von Bedeutung ist.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.