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Du hast mich fortgeschickt…

Von

Du hast mich fortgeschickt, und ich geh heim.
Die Gaslaternen blinzeln frech und schielen.
Im Rinnstein drängt sich dicker Straßenschleim.
Zufrieden tropfend gluckst es in den Sielen.

In einem Seitenweg verhallt ein Schritt,
leicht und beschwingt, als käm er vom Genießen.
Studenten torkeln mir vorbei zu dritt,
die Zeitungsblätter auf die Stöcke spießen.

Ich tu mir leid. Mein Schmerz stimmt mich vergnügt,
heißt mich auf alle Ärgernisse achten,
ob gegen dich sich draus ein Vorwurf fügt
und die, die im Kaffeehaus mit dir lachten.

Wart! Morgen sprechen wir uns schon dafür.
Mein Ingrimm wird sich zu entladen wissen. –
Da bin ich – öffne zögernd deine Tür –
und küsse weinend deine leeren Kissen.

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Gedicht: Du hast mich fortgeschickt... von Erich Kurt Mühsam

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Du hast mich fortgeschickt…“ von Erich Mühsam ist ein Ausdruck von verlassenem Liebesschmerz und dem darauffolgenden Gefühl der Isolation und Wut, der jedoch in einer unerwarteten Wendung in tiefe Trauer umschlägt. Der Ich-Erzähler wird von seiner Geliebten weggeschickt und begibt sich auf einen Heimweg, der von einer düsteren Atmosphäre geprägt ist, die seine innere Verfassung widerspiegelt. Die Personifizierung der Gaslaternen, die „frech und schielen“, sowie der „dicke Straßenschleim“ und das „tropfende Glucksen“ im Rinnstein schaffen ein Bild der Tristesse und des Ekelgefühls, das seine Stimmung perfekt einfängt. Die Beobachtungen des Ichs sind dabei weniger objektiv, als vielmehr Ausdruck seiner subjektiven Wahrnehmung, die von Trauer und Selbstmitleid gefärbt ist.

Die zweite Strophe verstärkt die Isolation des Erzählers, indem sie ihn Zeuge der Unbeschwertheit anderer Menschen werden lässt. Der „leicht und beschwingt“ Schritt, der in der Ferne verhallt, und die torkelnden Studenten, die „Zeitungsblätter auf die Stöcke spießen“, stehen im Kontrast zu seinem eigenen Zustand und betonen sein Gefühl der Verlorenheit. Die Erwähnung der Studenten, die sich vergnügt zeigen, unterstreicht zusätzlich die Kluft zwischen der eigenen Gefühlswelt und der scheinbaren Unbeschwertheit der Umgebung. Dieses Aufeinandertreffen von Verlust und dem Erleben der Normalität durch Dritte, erzeugt eine zusätzliche Schicht von Schmerz.

In der dritten Strophe ändert sich die Stimmung des Gedichts leicht. Der Ich-Erzähler scheint sich in seinem Schmerz zu suhlen, indem er sich selbst leidtut und nach Gründen sucht, um seine Verlassene zu beschuldigen. Die Zeilen „Ich tu mir leid. Mein Schmerz stimmt mich vergnügt / heißt mich auf alle Ärgernisse achten“ deuten auf eine gewisse masochistische Freude am eigenen Leid hin, da er versucht, sich einen Vorwurf gegen die Geliebte zusammenzubasteln. Er plant, „Morgen“ die Geliebte mit seinen Vorwürfen zu konfrontieren, eine Mischung aus Zorn und Rachsucht, die seine verletzte Seele widerspiegelt.

Die letzte Strophe bringt eine unerwartete Wendung und vollendet das Gedicht mit großer Tragik. Die zuvor angedeutete Wut und der Wunsch nach Vergeltung weichen der Erkenntnis der Leere. Anstatt eines wütenden Angriffs, steht der Erzähler vor der Tür der Geliebten, die „zögernd“ geöffnet wird. Er findet sich in der Stille wieder, die nur durch das „weinen“ des Erzählers unterbrochen wird, der nun die „leeren Kissen“ küsst. Diese finale Geste ist ein Akt der Verzweiflung und der tiefen Trauer, die über die leeren Kissen symbolisch einen Moment der völligen Hingabe und Akzeptanz des Verlustes darstellen. Der endgültige Verlust wird durch die leeren Kissen nochmals verdeutlicht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.