Drückende Luft
Der Himmel dunkelte noch immer;
ich fühlte tief bis in mein Zimmer
der fahlen Wolken vollen Schoß.
Die Esche drüben drehte schwer
die hohe Krone um sich her;
zwei Blätter trieben wirbelnd los.
Laut tickte durch die schwüle Stube,
wie durch die stille Totengrube
der Holzwurm ticken mag, die Uhr.
Und durch die Türe hinter mir
klang dünn und schüchtern ein Klavier
über den Flur.
Der Himmel lastete wie Schiefer;
ihr Spiel klang immer trauertiefer,
ich sah sie wohl.
Dumpf rang der Wind im Eschenlaub,
die Luft war grau von Glut und Staub
und seufzte hohl.
Und blasser tönten durch die Wände
die tastenden verweinten Hände,
sie saß und sang;
sang sich das Lied, in sich gebückt,
mit dem sie mich als Braut entzückt;
ich fühlte, wie ihr Atem rang.
Die Wolken wurden immer dumpfer,
die wunden Töne immer stumpfer,
wie Messer stumpf, wie Messer spitz;
und aus dem alten Liebeslied
klagten zwei Kinderstimmen mit –
da fiel der erste Blitz.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Drückende Luft“ von Richard Dehmel beschreibt eine beklemmende Atmosphäre, die von physischen und emotionalen Elementen gleichermaßen geprägt ist. Es beginnt mit der Beschreibung eines dunklen Himmels und einer schweren, erdrückenden Luft, die sich bis in das Zimmer des lyrischen Ichs ausbreitet. Naturphänomene wie der Wind, der im Eschenlaub rauscht, und die fallenden Blätter werden mit der schweren Stimmung in Verbindung gebracht, wodurch ein Gefühl von Unbehagen und drohendem Unheil erzeugt wird. Die Metapher des „vollen Schoß“ der Wolken verstärkt das Gefühl der Schwere und des drohenden Gewitters.
Die innere Unruhe des lyrischen Ichs spiegelt sich in den Geräuschen und dem musikalischen Geschehen wider. Das Ticken der Uhr, das wie in einer „Totengrube“ wirkt, und das leise Klavierspiel, das aus der Ferne ertönt, verstärken die Melancholie. Die Musik, die anfangs noch „dünn und schüchtern“ klingt, wird im Verlauf des Gedichts tiefer und trauriger. Die Beziehung zur spielenden Person, die im Gedicht durch die Zeile „ich sah sie wohl“ angedeutet wird, erweist sich als zentrales Element, da die Musik in Verbindung mit einer vergangenen Liebe steht.
Das Gedicht erreicht seinen Höhepunkt in der Beschreibung des Gesangs der Frau, die sich an ein altes Liebeslied erinnert. Die Klänge werden zunehmend gedämpfter und schmerzlicher, was durch die Metaphern „wunden Töne“ und „wie Messer stumpf, wie Messer spitz“ verdeutlicht wird. Die Anwesenheit von „zwei Kinderstimmen“ im Lied deutet auf verlorene Hoffnungen und unerfüllte Wünsche hin. Der Fall des ersten Blitzes am Ende des Gedichts markiert nicht nur ein Naturereignis, sondern auch den Höhepunkt des emotionalen Gewitters, das sich in der Atmosphäre zusammengebraut hat.
Dehmel verwendet eine bildreiche Sprache und eine klare Struktur, um die beklemmende Atmosphäre zu erzeugen. Die wiederholten Beschreibungen der drückenden Luft, des dunklen Himmels und der dumpfen Geräusche erzeugen ein Gefühl der Enge und des Unbehagens. Die Natur wird als Spiegelbild der inneren Gefühlswelt des lyrischen Ichs dargestellt, wodurch das Gedicht eine tiefere emotionale Resonanz erhält. Die Verwendung von Reim und Rhythmus unterstützt die Intensität der Gefühle und verstärkt die Wirkung des Gedichts auf den Leser.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.