Drinklied
1873Wer ist doch immer so geschossen, daß ab dem lieben rebensaft, der unsers herzens trost und kraft, er unwürsch sein solt und verdrossen?
Dan was kan doch ohn drinken wehren? und ist nicht unter dem gedrank der wein das best, mit lob und dank vor allem, was naß, hoch zu ehren?
Besehet doch, freind, wan es regnet, wie durch den starken regenguß, bisweilen auch durch einen fluß das erdreich sich voll saufend segnet.
Die kräuter und gewächs der erden, ja alle bäum auch, klein und groß, verschmachten trostlos und fruchtlos, wan sie nicht oft bezechet werden.
Den durst die thier und vögel stillen nach lust mit wollust, und die fisch die suchen stets was naß und frisch, damit begirig sie sich füllen.
Das meer will auch den rausch nicht fliehen, sondern es pfleget ohn ablaß breit tiefe flüß und bäch ohn maß garaußend in den wanst zu ziehen.
Ist es dan durch den drunk getroffen, so fanget es ein wesen an, als ob es auch wolt jederman ersäufen, weil es selbs besoffen.
Und warum fallen oft zu haufen die tobend-brausend-laute wind? weil sie, zu bausen sehr geschwind, das meer gern wolten gar aussaufen.
In dem meer und in allen bronnen die sonn selbs löschet ihren durst, und der mon wär schon ein bratwurst, wan er nicht yoll würd von der sonnen.
Drum soll uns fürhin niemand wehren, wan nichts will unbesoffen sein, auch mit einander bei dem wein frolockend tag und nacht zu zehren.
Dan wer unwürsch ist und verdrossen ab diesem guten rebensaft, der unsers herzens trost und kraft, der ist (zwar nüchtern, doch) geschossen.
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Interpretation
Das Gedicht "Drinklied" von Georg-Rodolf Weckherlin ist ein ausgelassenes Loblied auf den Wein und das Trinken. Der Autor preist den Rebensaft als Quelle der Freude, des Trostes und der Kraft für das Herz. Er fragt sich, wer immer so abgeneigt und verdrossen sein könnte gegenüber diesem guten Trunk, der uns so viel Freude bereitet. Der Dichter argumentiert, dass alles in der Natur nach Feuchtigkeit und Erfrischung strebt und dass der Wein das Beste unter allen Getränken ist. Er vergleicht den Regen, der die Erde tränkt, mit dem Wein, der den Menschen segnet. Pflanzen, Tiere und sogar das Meer selbst werden als Beispiele angeführt, die alle nach Feuchtigkeit und Erfrischung verlangen. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass niemand vom Trinken abgehalten werden sollte, da nichts unbesoffen sein will. Der Autor fordert auf, Tag und Nacht beim Wein zu fröhnen und sich an diesem guten Rebensaft zu erfreuen, der unserem Herzen Trost und Kraft spendet. Wer diesem Trunk abgeneigt gegenübersteht, ist seiner Meinung nach "geschossen", also nicht bei Trost.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- tobend-brausend-laute wind
- Anapher
- und ist nicht unter dem gedrank der wein das best, mit lob und dank vor allem, was naß, hoch zu ehren
- Bildsprache
- wan es regnet, wie durch den starken regenguß, bisweilen auch durch einen fluß das erdreich sich voll saufend segnet
- Hyperbel
- Das meer will auch den rausch nicht fliehen, sondern es pfleget ohn ablaß breit tiefe flüß und bäch ohn maß garaußend in den wanst zu ziehen
- Ironie
- Und warum fallen oft zu haufen die tobend-brausend-laute wind? weil sie, zu bausen sehr geschwind, das meer gern wolten gar aussaufen
- Kontrast
- der unsers herzens trost und kraft, der ist (zwar nüchtern, doch) geschossen
- Metapher
- Wer ist doch immer so geschossen, daß ab dem lieben rebensaft
- Personifikation
- Die kräuter und gewächs der erden, ja alle bäume auch, klein und groß, verschmachten trostlos und fruchtlos, wan sie nicht oft bezechet werden
- Symbolik
- rebensaft