Drei Schwestern

Friedrich Hebbel

1813

(Nach einem Bilde von .)

Drei Schwestern sind′s, von sanftem Reiz umstrahlt, Ihr eigner Vater hat sie uns gemalt, Sich ähnlich an Gestalt und an Gesicht, Sogar an Augen, nur an Mienen nicht, Und lieblicher hab′ ich den Horentanz Noch nie erblickt in seinem Zauberglanz.

Sie haben an den Locken sich gefaßt, Die ihren Hals umhüpfen ohne Rast, Das Haar so golden, wie der reinste Flachs, Die Hände, die es halten, weiß, wie Wachs, Und aus den feinen Zügen leuchtet mild Des dreigestalt′gen Tages Wechselbild.

Der einen zuckt es schmerzlich um den Mund, Sie trug den Kranz der Schönheit, voll und rund, Doch glitt er schneller, als sie′s je geglaubt, Hinüber auf der Nächsten schlichtes Haupt, Und still empfindet sie die Macht der Zeit Im ersten Schauer der Vergänglichkeit.

Die andre lächelt zweifelnd vor sich hin, Ihr will der eigne Sieg nicht in den Sinn, O, trau′ ihm nur, denn jedes Jünglings Blick, Du siehst es selbst, bestätigt dir dein Glück, Doch nutz′ ihn, wie den Lenz in seiner Zier: Er selbst entschleicht, die Blumen läßt er dir.

Die dritte hat noch eine lange Frist, Sie weiß noch kaum, daß sie kein Kind mehr ist, Bald aber steht auch sie im roten Schein Des Morgenlichts und schimmert ganz allein, Denn, wie am Himmelsrande Firn nach Firn, Vergoldet es auf Erden Stirn nach Stirn.

Noch einmal seid als Horen mir gegrüßt, Ihr Schwestern, wenn ihr auch den Kreis nicht schließt, Die Zeit, wo das geschehen wird, ist nah, Denn steht die Jüngste erst am Morgen da, So gleicht die Ältste auch der heil′gen Nacht Und deutet auf der Sterne ew′ge Pracht.

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Illustration zu Drei Schwestern

Interpretation

Das Gedicht "Drei Schwestern" von Friedrich Hebbel beschreibt die Darstellung dreier Schwestern, die von ihrem eigenen Vater gemalt wurden. Sie ähneln sich in Gestalt und Gesicht, unterscheiden sich jedoch in ihren Mienen. Das Gedicht vergleicht die Schwestern mit dem Horentanz, einem mythologischen Tanz der Grazien, und betont ihre Schönheit und Anmut. Das Gedicht beschreibt die verschiedenen Phasen des Lebens der drei Schwestern. Die älteste Schwester hat bereits die Schönheit der Jugend verloren und empfindet den ersten Schauer der Vergänglichkeit. Die mittlere Schwester ist sich ihres Sieges und ihrer Anziehungskraft bewusst, muss jedoch erkennen, dass die Jugend flüchtig ist. Die jüngste Schwester befindet sich noch in der Kindheit und ahnt nicht, dass auch sie bald in die Phase des Erwachsenwerdens eintreten wird. Das Gedicht schließt mit einem Gruß an die Schwestern, die den Kreis der Horen, der drei Göttinnen des Schicksals, nicht vollständig schließen. Es deutet an, dass die Zeit kommen wird, in der die jüngste Schwester am Morgen stehen wird und die älteste Schwester der heiligen Nacht gleicht, was auf die ewige Pracht der Sterne verweist. Das Gedicht thematisiert somit den Lauf der Zeit, die Vergänglichkeit der Jugend und die verschiedenen Lebensphasen der Schwestern.

Schlüsselwörter

schwestern weiß gen zeit selbst steht firn stirn

Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
So gleicht die Ältste auch der heil'gen Nacht
Personifikation
Der einen zuckt es schmerzlich um den Mund
Symbolik
Ihr Schwestern, wenn ihr auch den Kreis nicht schließt
Vergleich
Denn, wie am Himmelsrande Firn nach Firn