Drei Minuten Gehör!

Kurt Tucholsky

1922

Drei Minuten Gehör will ich von euch, die ihr arbeitet-! Von euch, die ihr den Hammer schwingt, von euch, die ihr auf Krücken hinkt, von euch, die ihr die Feder führt, von euch, die ihr die Kessel schürt, von euch, die mit treuen Händen dem Manne ihre Liebe spenden - von euch, den Jungen und den Alten - : Ihr sollt drei Minuten inne halten. Wir sind ja nicht unter Kriegsgewinnern. Wir wollen uns einmal erinnern:

Die erste Minute gehöre dem Mann. Wer trat vor Jahren in Feldgrau an? Zu Hause die Kinder - zu Hause weint Mutter… Ihr: feldgraues Kanonenfutter -! Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben. Dort saht ihr keinen Fürstenknaben: der soff sich einen in der Etappe und ging mit den Damen in die Klappe. Ihr wurdet geschliffen. Ihr wurdet gedrillt. Wart ihr noch Gottes Ebenbild? In der Kaserne - im Schilderhaus wart ihr niedriger als die schmutzigste Laus. Der Offizier war eine Perle, aber ihr wart nur “Kerle”! Ein elender Schieß- und Grüßautomat. “Sie Schwein! Hände an die Hosennaht -!” Verwundete mochten sich krümmen und biegen: kam ein Prinz, dann hattet ihr stramm zu liegen. Und noch im Massengrab wart ihr die Schweine: Die Offiziere lagen alleine! Ihr wart des Todes billige Ware… So ging das vier lange blutige Jahre. Erinnert ihr euch?

Die zweite Minute gehöre der Frau. Wem wurden zu Hause die Haare grau? Wer schreckte, war der Tag vorbei, in den Nächten auf mit einem Schrei? Wer ist es vier Jahre hindurch gewesen, der anstand in langen Polonaisen, indessen Prinzessinnen und ihre Gatten alles, alles, alles hatten - -? Wem schrieben sie einen kurzen Brief, dass wieder einer in Flandern schlief? Dazu ein Formular mit zwei Zetteln… Wer musste hier um die Renten betteln? Tränen und Krämpfe und wildes Schrein. Er hatte Ruhe. Ihr wart allein. Oder sie schickten ihn, hinkend am Knüppel, euch in die Arme zurück als Krüppel. So sah sie aus, die wunderbare Große Zeit - vier lange Jahre… Erinnert ihr euch -?

Die dritte Minute gehört den Jungen! Euch haben sie nicht in die Jacken gezwungen! Ihr wart noch frei! Ihr seid heute frei! Sorgt dafür, dass es immer so sei! An euch hängt die Hoffnung. An euch das Vertraun von Millionen deutschen Männern und Fraun. Ihr sollt nicht strammstehen. Ihr sollt nicht dienen! Ihr sollt frei sein! Zeigt es ihnen! Und wenn sie euch kommen und drohn mit Pistolen -: Geht nicht! Sie sollen euch erst mal holen! Keine Wehrpflicht! Keine Soldaten! Keine Monokel- Potentaten! Keine Orden! Keine Spaliere! Keine Reserveoffiziere! Ihr seid die Zukunft! Euer das Land! Schüttelt es ab, das Knechtschaftsband! Wenn ihr nur wollt, seid ihr alle frei! Euer Wille geschehe! Seid nicht mehr dabei! Wenn ihr nur wollt: bei euch steht der Sieg! - Nie wieder Krieg -!

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Illustration zu Drei Minuten Gehör!

Interpretation

Das Gedicht "Drei Minuten Gehör!" von Kurt Tucholsky ist eine eindringliche Aufforderung an die Menschen, sich an die Schrecken des Ersten Weltkriegs zu erinnern und aus den Erfahrungen zu lernen. In drei Minuten fordert der Autor die Leser auf, über die Opfer und das Leid nachzudenken, das durch den Krieg verursacht wurde. Die erste Minute gilt dem Mann, der als Kanonenfutter an die Front geschickt wurde. Tucholsky beschreibt die Demütigungen und Entmenschlichung, die die Soldaten in der Kaserne erlebten, und den sinnlosen Tod, dem sie auf dem Schlachtfeld ausgesetzt waren. Die zweite Minute gehört der Frau, die zu Hause auf die Rückkehr ihres Mannes hoffte und stattdessen mit Trauer und Verlust konfrontiert wurde. Tucholsky betont die Ungerechtigkeit, dass die Reichen und Mächtigen vom Krieg profitierten, während die einfachen Menschen leiden mussten. Die dritte Minute ist den Jungen gewidmet, die noch frei sind und die Verantwortung tragen, dafür zu sorgen, dass es nie wieder Krieg gibt. Tucholsky ruft sie dazu auf, sich gegen Wehrpflicht, Soldaten und Potentaten zu stellen und für ihre Freiheit einzustehen. Er appelliert an ihren Willen und ihre Kraft, um eine bessere Zukunft ohne Krieg zu gestalten.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Drei Minuten Gehör will ich von euch, die ihr arbeitet-! Von euch, die ihr den Hammer schwingt, von euch, die ihr auf Krücken hinkt, von euch, die ihr die Feder führt, von euch, die ihr die Kessel schürt, von euch, die mit treuen Händen dem Manne ihre Liebe spenden -
Apostrophe
An euch hängt die Hoffnung. An euch das Vertraun von Millionen deutschen Männern und Fraun
Aufzählung
Keine Wehrpflicht! Keine Soldaten! Keine Monokel- Potentaten! Keine Orden! Keine Spaliere! Keine Reserveoffiziere!
Hyperbel
So ging das vier lange blutige Jahre
Ironie
Aber ihr wart nur 'Kerle'!
Kontrast
Ihr seid heute frei! Sorgt dafür, dass es immer so sei!
Metapher
Ihr zogt in den lehmigen Ackergraben
Personifikation
Wer schreckte, war der Tag vorbei, in den Nächten auf mit einem Schrei?
Rhetorische Frage
Erinnert ihr euch?
Symbolik
Nie wieder Krieg -!