Drei kleine Lieder

Hugo von Hofmannsthal

1894

I Hörtest du denn nicht hinein, Daß Musik das Haus umschlich? Nacht war schwer und ohne Schein, Doch der sanft auf hartem Stein Lag und spielte, das war ich. Was ich konnte. sprach ich aus: »Liebste du, mein Alles du!« Östlich brach ein Licht heraus, Schwerer Tag trieb mich nach Haus, Und mein Mund ist wieder zu.

II

IM GRÜNEN ZU SINGEN

War der Himmel trüb und schwer, Waren einsam wir so sehr, Voneinander abgeschnitten! Aber das ist nun nicht mehr: Lüfte fließen hin und her-, Und die ganze Welt inmitten Glänzt, als ob sie gläsern wär. Sterne kanten aufgegangen, Flimmern mein- und deinen Wangen, Und sie wissens auch: Stark und stärker wird ihr Prangen; Und wir atmen mit Verlangen, Liegen selig wie gefangen. Spüren eins des andern Hauch.

III

Die Liebste sprach: »Ich halt dich nicht, Du hast mir nichts geschworn. Die Menschen soll man halten nicht, Sind nicht zur Treu geborn. Zieh deine Straßen hin, mein Freund, Beschau dir Land um Land, In vielen Betten ruh dich aus, Viel Frauen nimm bei der Hand. Wo dir der Wein zu sauer ist, Da trink du Malvasier, Und wenn mein Mund dir süßer ist, So komm nur wieder zu mir!«

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Illustration zu Drei kleine Lieder

Interpretation

Das Gedicht "Drei kleine Lieder" von Hugo von Hofmannsthal ist eine lyrische Komposition, die in drei Teile gegliedert ist. Jeder Teil behandelt unterschiedliche Aspekte der Liebe, Sehnsucht und der menschlichen Natur. Die Gedichte sind geprägt von einer tiefen emotionalen Intensität und einer feinen Beobachtungsgabe für die Nuancen menschlicher Beziehungen. Im ersten Lied beschreibt der Sprecher eine nächtliche Begegnung, die von Musik und Intimität durchdrungen ist. Die Nacht wird als schwer und dunkel beschrieben, doch die Musik, die der Sprecher spielt, bringt eine sanfte und tröstliche Atmosphäre. Die Erwähnung von "Liebste du, mein Alles du!" unterstreicht die tiefe emotionale Verbindung und die Bedeutung der geliebten Person. Das Lied endet mit dem Aufbruch des Tages, der den Sprecher nach Hause treibt, und einem Gefühl der Stille und des Abschlusses. Das zweite Lied, betitelt "Im Grünen zu Singen," thematisiert die Veränderung der Stimmung und der Umgebung. Die trübe und einsame Atmosphäre weicht einem lebendigen und strahlenden Bild. Die Welt erscheint gläsern und durchsichtig, und die Sterne spiegeln sich in den Wangen der Liebenden wider. Die Beschreibung des gemeinsamen Atmens und des Gefühls der Nähe vermittelt eine tiefe Verbundenheit und ein Gefühl des Eingefangenseins in einem Moment der Glückseligkeit. Das dritte Lied präsentiert eine eher pragmatische und realistische Sicht auf die Liebe. Die Liebste spricht davon, dass Menschen nicht festgehalten werden können und nicht zur Treue geboren sind. Sie ermutigt den Geliebten, die Welt zu erkunden, verschiedene Erfahrungen zu sammeln und sich Freiheit zu nehmen. Die Liebste bietet jedoch auch einen Ort der Rückkehr an, an dem der Geliebte willkommen ist, wenn er ihre Süße vermisst. Dieses Lied reflektiert die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Balance zwischen Freiheit und Bindung.

Schlüsselwörter

haus schwer sprach liebste mund hin land hörtest

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Stilmittel

Metapher
Wenn mein Mund dir süßer ist
Personifikation
daß Musik das Haus umschlich