Drei Hexen
1897Nachts auf dem rauchenden Schutte Lyons, matt von den Schreckenstaten, Die sie im Fron des Konvents vollbracht, lag ein Haufe Soldaten; Müde ruhte das fressende Schwert, stumm die Würgerkanone; Blutgeschwollen mit wirbelnder Flut rauschte vorüber der Rhone.
Allen die eisernen Sinne tief hielt der Schlummer gebunden; Einer, ein junger Krieger, allein hatte nicht Schlaf gefunden; Fort und fort, wie Schatten und Licht über die schäumenden Fluten, Zogen Gedanken ihm über die Stirn, welche nicht wichen noch ruhten.
Da zu Häupten ihm unversehns standen drei Weibergestalten, Bleich und blutlos das Angesicht, tief umdunkelt von Falten; Hagere Hände streckten sie aus, ihre Stimme scholl heiser, Und im Chore riefen die drei: “Heil dir, künftiger Kaiser.
Der du in Glut des Kampfes den Sinn früh zu Stahl dir geschmiedet, Und ihn gehärtet in Strömen des Bluts, das auf dem Schlachtfeld siedet, Dem die Seele kein Mitleid taut, die zu Eise gefroren, Zu gewaltigem Werk dich hat unser Meister erkoren!
Hörst du des Kriegsvolks wüstes Geschrei? Sengen und Rauben und Morden Ist den Wütenden wie die Luft, drin sie atmen, geworden. Bändige du sie mit Stachel und Zaum, führe gekoppelt die Meute, Und die Völker und Reiche der Welt wirst du erjagen als Beute!
Wer mag leichterer Fang dir sein, Fürsten oder Nationen? Locke die einen mit gleißendem Wort; ködre die andern mit Kronen; Auf die Betörten dann brich ein, wie der Wolf auf die Herden, Und nicht einer wird dir entgehn - du sollst herrschen auf Erden!
Menschen, töricht tolles Geschlecht, das wir zum Spiel uns erlasen! Sie entstehn und vergehen in nichts, wie auf dem Schaume die Blasen; Schminke nur ist das Lebensrot, um den Tod zu verbergen; Zu entlarven die Lüge, zieh aus mit dem Heere der Schergen!
Dringst du bei brennender Städte Schein durch das Grauen der Schlachten Vor, bis wo die Nebel des Pols ewig die Welt umnachten, Über Bergen Erschlagener dort und zertrümmerten Reichen Magst du in Stolz erheben dein Haupt; wer kann dir sich vergleichen?
Und in Freude zum erstenmal wird die Seele dir schmelzen, Und Gedanken, wie keiner gedacht, wirst du im Geiste wälzen: Groß wie der eine, der drunten ist, unser Meister, zu werden!” Also die drei, und sie tanzten um ihn: “Du sollst herrschen auf Erden!”
Bleich durch den Rauch und Blutqualm schon glomm die vierte der Stunden; Trommeln wirbelten; schnell in Luft waren die drei verschwunden; Ihnen starrte der Jüngling nach; aber im Heer wards rege, Und aufs neu zum Verwüstungswerk riefen ihn Trommelschläge.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Drei Hexen" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt von einem jungen Krieger, der in der Nacht nach einer Schlacht von drei Hexen heimgesucht wird. Die Hexen prophezeien ihm eine große Zukunft als Kaiser und rufen ihm zu, er solle die Welt erobern und herrschen. Sie beschreiben ihm den Weg zum Erfolg als einen blutigen und rücksichtslosen, bei dem er die Menschen manipulieren und ausbeuten soll. Die Hexen stellen die Menschen als ein törichtes und vergängliches Geschlecht dar, das nur zum Spiel der Mächtigen da ist. Sie ermutigen den jungen Krieger, sich von ihrem Meister, dem Teufel, inspirieren zu lassen und selbst groß zu werden. Das Gedicht ist in jambischen Vierhebern geschrieben und hat einen düsteren und bedrohlichen Ton. Es verwendet viele Bilder von Gewalt, Tod und Verderben, um die Atmosphäre der Nacht und der Schlacht zu schildern. Die Hexen werden als blass, faltig und heiser beschrieben, was ihre übernatürliche und unheilvolle Natur unterstreicht. Das Gedicht spielt mit dem Motiv der schwarzen Magie und des Teufelspakts, das in der Literatur oft vorkommt. Es zeigt die Versuchung des jungen Kriegers durch die Hexen, die ihm Ruhm und Macht versprechen, aber auch den Preis dafür andeuten. Das Gedicht kann als eine Kritik an der Politik und dem Krieg interpretiert werden, die oft von egoistischen und skrupellosen Führern betrieben werden. Es zeigt die Gefahr, dass junge und ehrgeizige Menschen von falschen Propheten beeinflusst werden und ihre moralische Integrität verlieren. Es warnt auch vor der Verführung durch den Teufel, der die Menschen zu seinen Werkzeugen machen will. Das Gedicht endet mit dem Hinweis, dass der junge Krieger von den Trommeln wieder in den Krieg gerufen wird, was darauf hindeutet, dass er den Ratschlägen der Hexen folgen wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- sengen und Rauben und Morden
- Anspielung
- Groß wie der eine, der drunten ist, unser Meister, zu werden
- Bildsprache
- Blutgeschwollen mit wirbelnder Flut rauschte vorüber der Rhone
- Enjambement
- Menschen, töricht tolles Geschlecht, das wir zum Spiel uns erlasen! Sie entstehn und vergehen in nichts, wie auf dem Schaume die Blasen
- Hyperbel
- Zu gewaltigem Werk dich hat unser Meister erkoren
- Kontrast
- Bleich und blutlos das Angesicht, tief umdunkelt von Falten
- Metapher
- Fort und fort, wie Schatten und Licht über die schäumenden Fluten
- Personifikation
- Müde ruhte das fressende Schwert, stumm die Würgerkanone
- Symbolik
- drei Weibergestalten
- Vergleich
- Sie entstehn und vergehen in nichts, wie auf dem Schaume die Blasen
- Wiederholung
- Du sollst herrschen auf Erden