Drei Dichter
1897Nächtlich aus ihrer Ruhestatt Steigen drei deutsche Dichter; Klagend schaun sie mich an und matt, Blasse Totengesichter.
Deutsche Mutter, wie warst du so karg Deinen Söhnen im Leben; Nichts als die Wiege, den Gram und den Sarg Hast du den Edlen gegeben.
Dort den trauerverhüllten Geist, Kennst du ihn? Gieb mir Kunde! Ueber der mächtigen Stirne weist Er die klaffende Wunde.
Kummer um dich, der sein Leben geknickt, Trieb ihn hinab zu den Toten; Stärker, wie er dich wieder erblickt, Rieseln die Tropfen, die roten.
Und der zweite, die Locken zerrauft, Weiß die Mär zu erzählen, Wie du die eigenen Söhne verkauft An die Mäkler der Seelen.
In den Wäldern des Westens voll Gram Irrte der Fremdling verloren; Selbst den Wilden verschwieg er vor Scham, Welches Land ihn geboren.
Und der dritte mit starrem Blick, Aber den Zügen der Griechen, Stammelt verstört: Warum, Geschick, Mußt′ ich in Deutschland siechen?
Schon in der Wiege traf ihn der Fluch, Der sich am Jüngling erfüllte, Bis mit des Wahnsinns Schleiertuch Mild ihn der Himmel umhüllte.
Das sind die drei, die im Trauerchor Nächtlich den Reigen schlingen! Sage, wie tönt dir das Lied ins Ohr, Mutter, das sie dir singen?
Deutsche Mutter, verbirg dein Gesicht! Nicht mit marmornen Platten, Und mit dem Lorbeer auf Gräbern nicht Sühnst du die zürnenden Schatten.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Drei Dichter" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von drei deutschen Dichtern, die nach ihrem Tod dem Dichter erscheinen und ihn um Verständnis und Anerkennung bitten. Die Dichter werden als "blasse Totengesichter" beschrieben, die "klagend" auf den Erzähler blicken und "matt" wirken. Die deutsche Mutter, die für das Vaterland steht, wird als "karg" gegenüber ihren Söhnen beschrieben, die nur eine "Wiege, den Gram und den Sarg" erhalten haben. Die Dichter beklagen ihr Schicksal und ihre Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland. Der erste Dichter wird als "trauerverhüllter Geist" beschrieben, der eine "klaffende Wunde" auf seiner Stirn hat. Er litt unter Kummer und starb frühzeitig. Der zweite Dichter, mit zerzausten Locken, verkaufte seine Seele an die "Mäkler der Seelen" und verlor sich in den Wäldern des Westens. Der dritte Dichter, mit starrem Blick und griechischen Zügen, fragt sich, warum er in Deutschland krank wurde und schließlich wahnsinnig wurde. Die Dichter tanzen in einem "Trauerchor" und singen ein Lied, das die Mutter hören soll. Sie fordert sie auf, ihr Gesicht zu verbergen, da sie mit marmornen Platten und Lorbeer auf Gräbern nicht die "zürnenden Schatten" besänftigen kann. Das Gedicht kritisiert die mangelnde Anerkennung und Unterstützung, die die deutschen Dichter während ihres Lebens erfahren haben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Deutsche Mutter, wie warst du so karg
- Metapher
- Sühnst du die zürnenden Schatten
- Personifikation
- Klagen schaun sie mich an und matt, Blasse Totengesichter