Drei Blicke in einen Opal

Georg Trakl

1913

Blick in Opal: ein Dorf umkränzt von dürrem Wein, Der Stille grauer Wolken, gelber Felsenhügel Und abendlicher Quellen Kühle: Zwillingsspiegel Umrahmt von Schatten und von schleimigem Gestein.

Des Herbstes Weg und Kreuze gehn in Abend ein, Singende Pilger und die blutbefleckten Linnen. Des Einsamen Gestalt kehrt also sich nach innen Und geht, ein bleicher Engel, durch den leeren Hain.

Aus Schwarzem bläst der Föhn. Mit Satyrn im Verein Sind schlanke Weiblein; Mönche der Wollust bleiche Priester, Ihr Wahnsinn schmückt mit Lilien sich schön und düster Und hebt die Hände auf zu Gottes goldenem Schrein.

Der ihn befeuchtet, rosig hängt ein Tropfen Tau Im Rosmarin: hinfließt ein Hauch von Grabgerüchen, Spitälern, wirr erfüllt von Fieberschrein und Flüchen. Gebein steigt aus dem Erbbegräbnis morsch und grau.

In blauem Schleim und Schleiern tanzt des Greisen Frau, Das schmutzstarrende Haar erfüllt von schwarzen Tränen, Die Knaben träumen wirr in dürren Weidensträhnen Und ihre Stirnen sind von Aussatz kahl und rauh.

Durchs Bogenfenster sinkt ein Abend lind und lau. Ein Heiliger tritt aus seinen schwarzen Wundenmalen. Die Purpurschnecken kriechen aus zerbrochenen Schalen Und speien Blut in Dorngewinde starr und grau.

Die Blinden streuen in eiternde Wunden Weiherauch. Rotgoldene Gewänder; Fackeln; Psalmensingen; Und Mädchen, die wie Gift den Leib des Herrn umschlingen. Gestalten schreiten wächsernstarr durch Glut und Rauch.

Aussätziger mitternächtigen Tanz führt an ein Gauch Dürrknöchern. Garten wunderlicher Abenteuer; Verzerrtes; Blumenfratzen, Lachen; Ungeheuer Und rollendes Gestirn im schwarzen Dornenstrauch.

O Armut, Bettelsuppe, Brot und süßer Lauch; Des Lebens Träumerei in Hütten vor den Wäldern. Grau härtet sich der Himmel über gelben Feldern Und eine Abendglocke singt nach altem Brauch.

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Illustration zu Drei Blicke in einen Opal

Interpretation

Das Gedicht "Drei Blicke in einen Opal" von Georg Trakl ist eine tiefgründige und vielschichtige Darstellung der menschlichen Existenz, die durch die Metapher des Opals, eines Edelsteins mit vielfältigen Farben und Schattierungen, symbolisiert wird. Der Opal dient als Spiegel für die verschiedenen Aspekte des Lebens, von der Schönheit und Ruhe der Natur bis hin zu den dunklen und schmerzhaften Erfahrungen des menschlichen Daseins. Im ersten Teil des Gedichts wird eine idyllische Landschaft beschrieben, die jedoch bereits von einer melancholischen Stimmung durchzogen ist. Die "grauen Wolken" und der "gelbe Felsenhügel" deuten auf eine Welt hin, die von Vergänglichkeit und Verfall geprägt ist. Die "Zwillingsspiegel" der Abendquelle und das "schleimige Gestein" symbolisieren die Dualität des Lebens, das sowohl Schönheit als auch Hässlichkeit, Leben als auch Tod in sich birgt. Der zweite Teil des Gedichts vertieft die Betrachtung der menschlichen Existenz. Die "blutbefleckten Linnen" und die "bleichen Engel" evozieren eine Atmosphäre von Leid und Erlösung. Die Pilger, die singen, und die Gestalt des Einsamen, der sich nach innen kehrt, deuten auf die Suche nach spiritueller Erleuchtung und innerem Frieden hin. Die "schwarzen Tränen" und der "Aussatz" in den folgenden Strophen verstärken das Bild einer Welt, die von Krankheit, Verzweiflung und dem unausweichlichen Tod gezeichnet ist. Im letzten Teil des Gedichts kulminiert die Darstellung der menschlichen Existenz in einer Mischung aus religiöser Symbolik und düsterer Realität. Die "Rotgoldenen Gewänder" und das "Psalmensingen" stehen im Kontrast zu den "eiternden Wunden" und dem "Ungeheuer", was die Spannung zwischen dem Heiligen und dem Profanen, dem Göttlichen und dem Irdischen verdeutlicht. Die "Armut" und die "Bettelsuppe" am Ende des Gedichts unterstreichen die Endlichkeit und die grundlegende Verletzlichkeit des menschlichen Lebens, während die "Abendglocke" einen Hauch von Hoffnung und Kontinuität inmitten des Verfalls vermittelt.

Schlüsselwörter

grau schwarzen abend wirr erfüllt blick opal dorf

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Stilmittel

Bildsprache
eine Abendglocke singt nach altem Brauch
Metapher
Grau härtet sich der Himmel über gelben Feldern
Personifikation
Aus Schwarzem bläst der Föhn