Dora′s Abendlied

Charlotte von Ahlefeld

1849

Still tritt der Mond in weiter Himmelsferne Aus des Gewölkes nächtlich grauem Flor, In goldner Reinheit schimmernd jetzt hervor, Umgeben von dem hellen Chor der Sterne; Ihn, den ich mir zum Freunde auserkohr, Ihn, dem ich klagte, was ich längst verlohr, Begrüßt mein Blick in stiller Nacht so gerne.

Er leuchtet freundlich mir statt aller Kerzen, Strahlt leisen Trost in die beklommne Brust, Und schenkt in Thränen mir der Wehmuth Lust. Wer nimmt des Kummers Last von meinem Herzen, Wer hat um ihren Umfang je gewußt! Ach tief verschlossen in der wunden Brust Ist all′ mein Weh sind alle meine Schmerzen.

Du, den ich längst nicht mehr zu nennen wage, Und dessen Bild mich dennoch stets umschwebt! Du, der im Innern meines Herzens lebt, Wo ich nur Dich, und Schmerz und Sehnsucht trage, O wenn Dein Blick hinauf zum Himmel strebt Und holde Träume Dir der Mondschein webt, So denk′ auch Du an unsres Glückes Tage.

Sie sind dahin in weite Ferne bannte, Von Dir getrennt, mich grausam mein Geschick. Erloschen ist in Thränen nun der Blick, In dem sonst Muth und Hoffnung lodernd brannte. Der ersten Liebe nahmenloses Glück Rief meines Schicksals Stimme ernst zurück, Eh′ ich des Lebens vollen Werth erkannte.

Seitdem verhüllt mit ihrem schwarzen Schleier Die Schwermuth mir die weite offne Welt; Des Himmels hehres, sternbesäetes Zelt, Des Mondes Glanz, der oft in stiller Feier Der Nächte ödes Dunkel mir erhellt, Und ahnungsvoll die bange Brust mir schwellt, Eröffnet nur mein Herz der Wehmuth freier.

Ist mir auf ewig jenes Glück verschwunden? Ist schmerzliches Entbehren nur mein Loos? Und wird allein des Grabes finstrer Schooß Mich schützen vor des Leidens bangen Stunden, So reiße schnell mich von dem Leben los, Willkommner Tod, denn in der Erde Schooß Verbluten sanft des Herzens tiefe Wunden.

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Illustration zu Dora′s Abendlied

Interpretation

Das Gedicht "Dora's Abendlied" von Charlotte von Ahlefeld handelt von tiefer Trauer und Sehnsucht nach einem verlorenen Glück. Die Sprecherin wendet sich in der Nacht an den Mond, der ihr Trost spendet und als stummer Zeuge ihrer Schmerzen dient. Sie beklagt das verlorene Glück einer ersten Liebe, das ihr nun unerreichbar scheint, und fühlt sich von der Welt entfremdet. Die Natur, insbesondere der nächtliche Himmel, spiegelt ihre innere Verzweiflung wider und bietet zugleich einen Raum für ihre Wehmut. Die lyrische Ich-Figur sehnt sich nach dem Geliebten, dessen Bild sie stets verfolgt, obwohl sie seinen Namen nicht mehr aussprechen wagt. Sie erinnert sich an die vergangenen Tage des Glücks, die nun in weite Ferne gerückt sind. Die Trennung von diesem Menschen hat ihre Lebensfreude erloschen lassen, und sie fühlt sich von ihrem Schicksal grausam behandelt. Die Natur, einst ein Ort der Hoffnung, ist nun von Schwermut überzogen und spiegelt ihre innere Leere wider. Am Ende des Gedichts erreicht die Verzweiflung ihren Höhepunkt, als die Sprecherin den Tod als einzigen Ausweg aus ihrem Leiden sieht. Sie wünscht sich, von der Last des Lebens erlöst zu werden und hofft, dass der Tod ihre tiefen Herzenswunden heilen wird. Das Gedicht endet mit einer klaren Todessehnsucht, die die Intensität ihrer emotionalen Schmerzen unterstreicht.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Verbluten sanft des Herzens tiefe Wunden
Personifikation
In goldner Reinheit schimmernd jetzt hervor