Doppelheimweh

Nikolaus Lenau

1802

Zwiefaches Heimweh hält das Herz befangen, Wenn wir am Rand des steilen Abgrunds stehn Und in die Grabesnacht hinuntersehn, Mit trüben Augen, todeshohlen Wangen.

Das Erdenheimweh läßt uns trauern, bangen, Daß Lust und Leid der Erde muß vergehn; Das Himmelsheimweh fühlts herüberwehn Wie Morgenluft, daß wir uns fortverlangen.

Dies Doppelheimweh tönt im Lied der Schwäne, Zusammenfließt in unsre letzte Träne Ein leichtes Meiden und ein schweres Scheiden.

Vielleicht ist unser unerforschtes Ich Vor scharfen Augen nur ein dunkler Strich, In dem sich wunderbar zwei Welten schneiden.

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Illustration zu Doppelheimweh

Interpretation

Das Gedicht "Doppelheimweh" von Nikolaus Lenau beschreibt ein tiefes, zwiespältiges Heimwehgefühl, das den Menschen erfasst, wenn er am Abgrund der Existenz steht und in die Tiefe des Todes blickt. Es handelt sich um ein doppeltes Heimweh, das einerseits das irdische Leben betrifft, das unweigerlich vergehen muss, und andererseits das himmlische Heimweh, das den Wunsch nach Transzendenz und Fortgang auslöst. Lenau veranschaulicht dieses Gefühl durch die Metapher des Schwänenliedes, das sowohl leicht als auch schwer ist – ein sanftes Verlangen nach dem Himmel und ein schweres Abschiednehmen von der Erde. Das Doppelheimweh mündet in der letzten Träne, die beide Sehnsüchte vereint. Das Ich des Menschen wird als ein dunkler Strich dargestellt, in dem sich zwei Welten – die irdische und die himmlische – auf wundersame Weise schneiden. Das Gedicht reflektiert über die menschliche Existenz als einen Zwischenzustand zwischen zwei Heimaten: der irdischen und der himmlischen. Die letzte Strophe deutet an, dass das menschliche Ich vor dem Hintergrund der Ewigkeit nur ein flüchtiger, dunkler Strich ist, in dem sich die beiden Welten begegnen. Lenau vermittelt so eine tiefsinnige Betrachtung über die Vergänglichkeit des Lebens und die Sehnsucht nach Transzendenz.

Schlüsselwörter

augen zwiefaches heimweh hält herz befangen rand steilen

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Stilmittel

Alliteration
Lust und Leid der Erde
Metapher
zwei Welten schneiden
Personifikation
Das Erdenheimweh läßt uns trauern, bangen
Vergleich
Wie Morgenluft