Dolores
1897Tiefer fliegt die Sommerschwalbe; Vor dem Wetter zucken matt, Längs der Uferbäume, falbe Blitze hin von Blatt zu Blatt.
Und, aus tausend Kelchen stäubend, Wallt der Nachtviolen Duft, Der Jasmine, sinnbetäubend, Durch die atemschwere Luft.
O, ich fühl′s! Mein Herz umstricken Will noch mächtiger als je Das verzehrende Entzücken Von zuvor, das sel′ge Weh;
Fühle, daß in Geist und Sinnen Neu der alte Rausch mir gärt, Wie, da du mir, Weib, tiefinnen An des Lebens Mark gezehrt.
Ist der Arm noch nicht vermodert, Der sich heiß um meinen wand? Nicht der Lippen Glut verlodert, Die auf meinen oft gebrannt?
Wieder deine schwarzen Augen Seh′ ich flammen über mir; Aus dem Grab, mein Blut zu saugen, Steigst du nächtlich als Vampyr.
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Interpretation
Das Gedicht "Dolores" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist eine lyrische Auseinandersetzung mit der Erinnerung an eine vergangene, intensive Liebesbeziehung. Die Naturbilder im ersten Teil des Gedichts, wie die tiefer fliegende Sommerschwalbe und die flackernden Blitze, spiegeln die stürmische und leidenschaftliche Atmosphäre wider, die die Erinnerungen an Dolores begleiten. Die Beschreibung der Nachtviolen und des Jasmindufts unterstreicht die sinnliche und betörende Natur dieser Erinnerungen, die den Sprecher in einen Zustand der Betäubung versetzen. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Intensität der vergangenen Liebe deutlich. Der Sprecher fühlt, dass sein Herz noch immer von dem "verzehrenden Entzücken" und dem "sel'gen Weh" ergriffen ist, das er einst empfunden hat. Die Metapher des "alten Rauschs", der in Geist und Sinnen gärt, verdeutlicht die anhaltende und tief verwurzelte Natur dieser Gefühle. Die Erinnerung an Dolores wird als etwas dargestellt, das tief in das Mark des Lebens des Sprechers eingedrungen ist und ihn nach wie vor beeinflusst. Im letzten Teil des Gedichts wird die Beziehung zu Dolores fast übernatürlich und vampirhaft dargestellt. Die Frage nach dem Zustand des Arms und der Lippen, die einst in leidenschaftlicher Umarmung waren, deutet auf eine Art von Unsterblichkeit der Liebe hin, die über den Tod hinausgeht. Die Vorstellung, dass Dolores als Vampir aus dem Grab steigt, um das Blut des Sprechers zu saugen, symbolisiert die unerbittliche und lebensraubende Kraft dieser Liebe, die den Sprecher auch nach dem Tod der Geliebten noch in ihren Bann zieht. Das Gedicht endet mit einem Bild der Furcht und der Anziehungskraft, die von dieser übermächtigen Liebe ausgeht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wieder deine schwarzen Augen
- Hyperbel
- Will noch mächtiger als je
- Metapher
- Steigst du nächtlich als Vampyr
- Oxymoron
- Das sel'ge Weh
- Personifikation
- Vor dem Wetter zucken matt