Dirnenlied
1876Einst war ich der Tag - als ich blütenumlacht im Mädchentraum lag - nun bin ich die Nacht.
Bin die lockende Nacht, trage Sterne im Haar, und viel Dunkel gebracht hat mein Augenpaar.
Den Knaben zumeist biet ich giftige Frucht, die mit schüchternem Geist nach Liebe gesucht.
Und so bin ich, ich weiß, all der Mütter Qual, deren Söhnen mit Fleiß ich die Seele stahl.
Einst war ich der Tag - als ich blütenumlacht im Mädchentraum lag - nun bin ich die Nacht.
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Interpretation
Das Gedicht "Dirnenlied" von Margarete Beutler beschreibt die Wandlung einer Frau von einem unschuldigen Mädchen zur verführerischen Nacht. Die Sprecherin reflektiert über ihre Vergangenheit als "Tag", in der sie von Blüten umgeben in einem Mädchentraum lag. Nun ist sie zur "Nacht" geworden, die mit ihrem Sternenhaar und ihrem dunklen Blick die Männer anzieht. Die zweite Strophe verdeutlicht die Verführungskraft der Nacht. Sie lockt die Knaben mit ihrer "giftigen Frucht", die mit schüchternem Geist nach Liebe suchen. Die Sprecherin gibt zu, dass sie die Seele der Söhne gestohlen hat und damit zur Qual der Mütter geworden ist. Diese Passage deutet auf die Verantwortungslosigkeit und das Leid hin, das durch die Verführung entsteht. Das Gedicht endet mit einer Wiederholung der ersten Strophe, was die unumkehrbare Wandlung der Sprecherin von Tag zu Nacht betont. Die Struktur des Gedichts mit seinem Refrain unterstreicht den Verlust der Unschuld und die Annahme einer neuen, verführerischen Identität. Die Nacht symbolisiert hier die Verführung und die damit verbundene Zerstörung von Träumen und Hoffnungen.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Kontrast
- Einst war ich der Tag - / nun bin ich die Nacht.
- Metapher
- Einst war ich der Tag - / als ich blütenumlacht / im Mädchentraum lag - / nun bin ich die Nacht.
- Personifikation
- Bin die lockende Nacht, / trage Sterne im Haar, / und viel Dunkel gebracht / hat mein Augenpaar.
- Reimschema
- AABB CCDD EEFF GGHH IIAA
- Symbolik
- biete giftige Frucht, / die mit schüchternem Geist / nach Liebe gesucht.