Dir
1899Drum wein ich, dass bei deinem Kuss ich so nichts empfinde und ins Leere versinken muss. Tausend Abgründe sind nicht so tief, wie diese große Leere. Ich sinne im engsten Dunkel der Nacht, wie ich dir’s ganz leise sage, doch ich habe nicht den Mut. Ich wollte es käme ein Südwind, der dir’s herüber trage, damit es nicht gar voll Kälte kläng' und er dir’s warm in die Seele säng' kaum merklich durch dein Blut.
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Interpretation
Das Gedicht "Dir" von Else Lasker-Schüler beschreibt die tiefe Enttäuschung und Leere, die der Sprecherin bei einem Kuss des Geliebten widerfährt. Trotz der erwarteten Intimität und Leidenschaft empfindet sie nichts, was sie in eine tiefe emotionale Leere stürzt. Diese Leere wird als unermesslich tief beschrieben, tiefer als tausend Abgründe. In der Nacht sinnt die Sprecherin darüber nach, wie sie dem Geliebten ihre Gefühle schonend mitteilen kann, doch der Mut fehlt ihr. Sie wünscht sich einen Südwind, der ihr die Worte überbringt, damit sie nicht kalt und lieblos klingen, sondern warm und sanft in die Seele des Geliebten gelangen. Der Wind soll die Worte kaum merklich durch das Blut tragen, als eine zarte Berührung. Das Gedicht vermittelt die Schmerzen einer unerfüllten Liebe und die Sehnsucht nach Nähe und Verständnis. Die Sprecherin sehnt sich danach, ihre Gefühle mitzuteilen, fürchtet jedoch die Konsequenzen und den möglichen Schmerz, den die Wahrheit mit sich bringen könnte. Die Verwendung des Südwindes als Metapher für die sanfte Übermittlung der Worte unterstreicht die Zärtlichkeit und den Wunsch nach einem liebevollen Empfang der Botschaft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Drum wein ich, dass bei deinem Kuss ich so nichts empfinde
- Bildsprache
- kaum merklich durch dein Blut
- Hyperbel
- Tausend Abgründe sind nicht so tief
- Metapher
- und er dir's warm in die Seele säng'
- Personifikation
- Ich wollte es käme ein Südwind, der dir's herüber trage