Diokletian

Friedrich Hebbel

1857

Da steht auch das! Mein Grabmal! Sieben Jahr′ Sind abermals herum, und hell und klar, Wie immer blickt die Sonne auf den Greis, Der müde ist und nicht zu sterben weiß. Dies sollte meine letzte Arbeit sein: Das Bett ist fertig, doch ich schlaf nicht ein!

Nun, setzt kein Gott mir das ersehnte Ziel, So tu ich′s selbst, ich hab es satt, das Spiel; Es scheint zwar bunt, doch wiederholt sich′s nur, Die Tage sind, wie Blumen auf der Flur: Der Farbenwechsel täuscht zwar kurze Zeit, Dann kennt man sie für alle Ewigkeit.

Das Werk ist wohlgeraten! Tritt heran, O Bildner, daß ich dich belohnen kann! Den Preis empfingst du, Silber oder Gold, Ich weiß nicht was, soviel du selbst gewollt, Doch hast du Rätsel in den Stein gehaun: Ich will zum Dank dir jetzt den Sinn vertraun.

Siehst du den Jüngling, der die Säcke trägt? Und auch den krausen Mohren, der ihn schlägt? Wer mag′s wohl sein, den hier die Peitsche traf? Ich bin es selbst! mein Vater war ein Sklav. Du staunst darob? So lehre dich mein Ruhm: Ein Kaiser findet stets sein Kaisertum.

Da ist er wieder! Aber auf der Flucht, Verfolgt von Häschern, grimmig und verrucht! Er tötete den Vogt in raschem Zorn Und schüttete umsonst auf ihn sein Korn, Doch war′s ein Glück für ihn, er eilt zum Heer, Man reiht ihn ein, und keiner straft ihn mehr.

Nun Schlacht auf Schlacht, bis jene letzte kam, Die Rom den Herrn und mir den Führer nahm. Ich rächt′ ihn, da erscholl ein Jubelschrei, Als ob er wieder auferstanden sei, Es galt mir selbst, und eh′ ich′s je geglaubt, Trug ich des Toten Krone auf dem Haupt.

Doch ging es jetzt nicht nächsten Wegs nach Haus, Ich maß vorher das Rund der Erde aus Und richtete die Adler wieder auf, Die man zertrümmert in der Zeiten Lauf, Und an der Schnur die Völker, dumpf und stumpf, Die das verbrochen, hielt ich den Triumph.

Dort ihr Gewühl! Jedwedes Angesicht Ein Sonnenabdruck, dunkel oder licht, Wie sie die Zone färbte, schwarz geraucht, Und wie von Flammen rötlich angehaucht, So stieren sie zum Kapitol empor, Wo ich mich neige vor der Götter Chor.

Nun funfzig Jahre auf dem Römerthron! Zwar anfangs noch im Kampf mit Trotz und Hohn, Doch immer siegreich, endlich ohne Feind, Die ganze Menschheit stumm und wie versteint, Nur Odem übrig für ein einzig Wort: Hoch Diokletian! Und ewig fort!

Genug! Genug! Mein Jubeltag ist da, Die Völker ziehn herbei von fern und nah. Das Fest ist selten, das man feiern will, Doch ein noch seltneres bereit ich still: Sie bieten mir die Welt zum zweiten Mal, Ich weise sie zurück als leer und schal.

Hier auf dem Markt leg ich die Krone ab Und sorge nur noch für das Kaisergrab, Denn statt des Goldes, das sie mir gebracht, Und statt der leuchtenden Juwelenpracht, Beding ich mir als letztes Liebespfand Von einem jeden eine Hand voll Sand.

Die sollen sie mir opfern nach dem Tod, Und sie beschwören willig mein Gebot. Die ganze Erde hat vor mir gebebt Und trägt mein Zeichen; wenn man mich begräbt, So will ich in der ganzen Erde ruhn, Wie′s Weltgebietern ziemt und ihrem Tun.

Nun baut′ ich mir den mächtigen Palast, Der bald schon wieder eine Stadt umfaßt. Der neue Cäsar zittert nicht vor mir, Der Tod vergißt mich, und es wird mir schier, Als wär′ dem einz′gen, der sie nicht begehrt, Vom Schicksal die Unsterblichkeit beschert.

Heut fiel mir schon die erste Frucht vom Baum, Den ich gepflanzt, als Zoll für meinen Gaum, Längst ist der Wipfel meiner Zeder grün, Ich seh wohl gar die Aloe noch blühn! Doch nein! Du sollst nicht warten auf den Schluß Zum Epitaph, den ich dir liefern muß!

Drum heut der Tod! Und wie es dir gefällt, Sterb ich als Weiser oder auch als Held. Was zieht der Künstler vor? Den Giftpokal In meiner Rechten, oder diesen Stahl? Du wählst nicht? Wohl, so wähle ich für dich, Die Sonne will nicht gehn, so geh denn ich.

Zurück von meinem kaiserlichen Leib! Glaubst du, ich laß mich halten, wie ein Weib? Zwar bin ich ohne Krone, ohne Reich, Doch hier, du siehst es, Herr und Knecht zugleich. Auch das geglückt! Wie stark das Blut noch quillt! Da ist die Skizze - geh nun rasch ans Bild!

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Illustration zu Diokletian

Interpretation

Das Gedicht "Diokletian" von Friedrich Hebbel erzählt die Lebensgeschichte des römischen Kaisers Diokletian, der sich nach einer erfolgreichen Herrschaft aus dem politischen Leben zurückzieht und den Tod herbeisehnt. Es beginnt mit der Betrachtung seines Grabmals, das er selbst in Auftrag gegeben hat, und reflektiert über die Monotonie des Lebens sowie die Wiederholung der Tage, die wie Blumen auf der Flur sind, deren Farbenwechsel nur kurze Zeit täuscht. Die Skulptur auf dem Grabmal zeigt einen Jüngling, der Säcke trägt und von einem Mohren geschlagen wird. Diokletian offenbart, dass er selbst dieser Jüngling ist, dessen Vater ein Sklave war. Dies unterstreicht seinen Aufstieg vom Sklaven zum Kaiser und verdeutlicht, dass ein Kaiser stets sein Kaisertum findet, unabhängig von seiner Herkunft. Der Kaiser berichtet von seiner Flucht nach dem Mord an einem Vogt, seinem Eintritt ins Heer und seinem schließlich Aufstieg zur Macht, nachdem er den vorherigen Herrscher gerächt hat. Das Gedicht beschreibt Diokletians Herrschaft über fünfzig Jahre, seine Triumphe und die Unterwerfung der Völker unter sein Zepter. Trotz seiner Macht und seines Ruhms entscheidet er sich, die Krone abzulegen und sich auf den Bau seines Grabmals zu konzentrieren. Er verlangt von jedem Menschen eine Handvoll Sand als Beitrag zu seinem Grab, um nach seinem Tod in der ganzen Erde zu ruhen, wie es Weltgebietern zusteht. Das Gedicht endet mit Diokletians Entschluss, den Tod zu wählen, entweder als Weiser oder als Held, und er bittet den Bildhauer, die Szene seines Todes auf dem Grabmal festzuhalten.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Denn statt des Goldes, das sie mir gebracht, / Und statt der leuchtenden Juwelenpracht, / Beding ich mir als letztes Liebespfand / Von einem jeden eine Hand voll Sand.
Hyperbel
Die ganze Erde hat vor mir gebebt / Und trägt mein Zeichen;
Ironie
Nun, setzt kein Gott mir das ersehnte Ziel, / So tu ich's selbst, ich hab es satt, das Spiel;
Metapher
Die Tage sind, wie Blumen auf der Flur:
Personifikation
Die Sonne will nicht gehn, so geh denn ich.
Rhetorische Frage
Was zieht der Künstler vor? Den Giftpokal / In meiner Rechten, oder diesen Stahl?
Symbolik
Und auch den krausen Mohren, der ihn schlägt?