Die zwei Reigen

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Ein Cherub schritt das Tal empor Und schlug das Volk mit Schwert und Pest, Hinsank der halbe Jugendflor - Die Schwalbe kehrt und baut das Nest.

Brautführer will der Frühling sein, Und wer das Lieb verloren hat, Dem gibt mit einem blühnden Mai′n Er eines an des toten Statt.

Er führt auf schwellend grünen Plan Den Rest der Jugend, neu gepaart, Und hebt ein mächtig Fiedeln an Von Liebesglück und Minnefahrt.

Die Paare fliegen rasch daher, Ein Lenzgesind, gejagt vom Wind, Dabei wird manches Herze schwer, Das an die alte Liebe sinnt …

Doch Leben hat das Leben gern Und leicht gewöhnt sich Brust an Brust Die Toten liegen tief und fern Und wissen nichts von unsrer Lust …

Die Sonne schwand. Hell scheint ins Land Der Mond und streut den Silberglanz Der Reigen dreht sich Hand in Hand Und Mund an Mund und Kranz an Kranz …

Da steigt es aus der Wiese leis Und beut sich auch die Hände sacht: Genüber schwebt ein stiller Kreis Im blauen Duft der Lenzesnacht.

Es haucht ein sanfter Flötenlaut, Und toter Jüngling, tote Maid Umschlingen sich im Reigen traut Und ohne Neid und ohne Leid.

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Illustration zu Die zwei Reigen

Interpretation

Das Gedicht "Die zwei Reigen" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt die beiden Seiten des Lebens und des Todes, die sich im Frühling begegnen. Der erste Teil des Gedichts zeigt die Zerstörung und den Verlust, den ein Cherub mit Schwert und Pest über das Volk bringt. Die Schwalbe kehrt zurück und baut ihr Nest, was den Beginn des neuen Lebens symbolisiert. Der Frühling führt die verbliebene Jugend zusammen und lässt sie in einem Reigen der Liebe und Freude tanzen. Doch während die Paare sich umarmen und küssen, denken einige an ihre verlorene Liebe und werden traurig. Der zweite Teil des Gedichts zeigt die beiden Reigen, die sich im Mondschein begegnen. Der eine Reigen ist voller Leben und Lust, während der andere still und traurig ist. Die Toten erheben sich aus der Wiese und umarmen sich im Reigen, ohne Neid oder Leid. Das Gedicht endet mit einem Flötenklang, der die beiden Reigen verbindet und die Harmonie zwischen Leben und Tod symbolisiert. Das Gedicht "Die zwei Reigen" von Conrad Ferdinand Meyer ist ein eindrucksvolles Beispiel für die poetische Auseinandersetzung mit dem Thema Leben und Tod. Der Autor nutzt die Natur und die Jahreszeiten als Metaphern für die Vergänglichkeit und die Wiedergeburt des Lebens. Der Kontrast zwischen den beiden Reigen verdeutlicht die verschiedenen Facetten des Daseins und die Unausweichlichkeit des Todes. Das Gedicht lädt den Leser dazu ein, über die eigene Sterblichkeit nachzudenken und die Schönheit des Lebens zu schätzen.

Schlüsselwörter

toten leben brust reigen hand mund kranz cherub

Wortwolke

Wortwolke zu Die zwei Reigen

Stilmittel

Alliteration
schwer, Das an die alte Liebe sinnt
Assonanz
Ein Lenzgesind, gejagt vom Wind
Bildsprache
Der Mond und streut den Silberglanz
Hyperbel
ein mächtig Fiedeln an
Ironie
Brautführer will der Frühling sein
Kontrast
Die Toten liegen tief und fern Und wissen nichts von unsrer Lust
Metapher
Ein Cherub schritt das Tal empor
Parallelismus
Mund an Mund und Kranz an Kranz
Personifikation
Die Sonne schwand
Symbolik
Die Schwalbe kehrt und baut das Nest