Die Zürcher Glocken
1862O, du wunderbarer grüner See, im schönen Schweizerland, Wie so lieblich sich die stolze Zürich schmiegt an deinen Rand! Hüben sanfte Rebenhügel Hingestreut wie ein Idyll, Drüben majestätsche Alpen, Schneebedecket, ernst und still.
Wie ein Mann ruhst du dazwischen, Dem ein Zaubrer Alles lieh, Tiefsten Ernst und Morgenfrische, Frohe, starke Poesie. Lächelst in so holder Schöne - Fast Vergessen mich umstrickt, Dass mir von den grünen Höhen Auch ein Grab entgegen blickt.
Weh, da tönen Glockenklänge, Schneiden mir ins tiefste Herz, Niemals wachte so gewaltig In mir auf der erste Schmerz! Weh, das sind dieselben Glocken, Welche bebten durch die Luft, Als man deine teure Hülle Senkte in die kühle Gruft! Alles Andre ist vergangen,
Selbst den Schmerz betört die Zeit, Aber diese Glocken sprechen Noch so laut, als wär es heut, Dass der besten Geister einem, Ganz erfüllt vom höchsten Drang, Dass dem treusten, wärmsten Herzen Sie getönt den Grabgesang!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Zürcher Glocken" von Luise Büchner ist eine eindringliche Schilderung der Stadt Zürich und ihrer Umgebung, die der Dichterin tiefen Eindruck hinterlässt. Die Stadt wird als harmonisch in die Natur eingebettet beschrieben, mit dem grünen See, den Rebenhügeln und den majestätischen, schneebedeckten Alpen. Zürich selbst wird als eine Stadt dargestellt, die Ernst und Frische, Poesie und Schönheit vereint. Im zweiten Teil des Gedichts wird jedoch die Stimmung durch die Erinnerung an den Klang der Zürcher Glocken getrübt. Diese Glocken erinnern die Dichterin an einen tiefen Schmerz, den sie vor langer Zeit erlebt hat. Es wird deutlich, dass diese Glocken bei einer Beerdigung geläutet haben, bei der die Hülle eines geliebten Menschen in die kühle Erde gesenkt wurde. Die Zeit hat zwar andere Erinnerungen und sogar den Schmerz selbst betört, aber der Klang dieser Glocken spricht noch immer so laut, als wäre es erst gestern gewesen. Das Gedicht endet mit einem Verweis auf die besten Geister und die treusten Herzen, die von diesen Glocken den "Grabgesang" ertönen hörten. Es scheint, als ob die Dichterin damit andeuten möchte, dass auch die edelsten und aufrichtigsten Menschen von der Endlichkeit des Lebens und der Trauer, die der Tod mit sich bringt, nicht verschont bleiben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Frohe, starke Poesie
- Anapher
- Weh, da tönen Glockenklänge, Weh, das sind dieselben Glocken
- Hyperbel
- Schneiden mir ins tiefste Herz
- Metapher
- Dass der besten Geister einem, Ganz erfüllt vom höchsten Drang
- Personifikation
- Wie ein Mann ruhst du dazwischen
- Vergleich
- Hingestreut wie ein Idyll