Die Zeit

Christian Morgenstern

1871

Es gibt ein sehr probates Mittel, die Zeit zu halten am Schlawittel: Man nimmt die Taschenuhr zur Hand und folgt dem Zeiger unverwandt,

Sie geht so langsam dann, so brav als wie ein wohlgezogen Schaf, setzt Fuß vor Fuß so voll Manier als wie ein Fräulein von Saint-Cyr.

Jedoch verträumst du dich ein Weilchen, so rückt das züchtigliche Veilchen mit Beinen wie der Vogel Strauß und heimlich wie ein Puma aus.

Und wieder siehst du auf sie nieder; ha, Elende! - Doch was ist das? Unschuldig lächelnd macht sie wieder die zierlichsten Sekunden-Pas.

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Illustration zu Die Zeit

Interpretation

Das Gedicht "Die Zeit" von Christian Morgenstern handelt von der subjektiven Wahrnehmung der Zeit und der Möglichkeit, diese durch die Konzentration auf einen Zeitmesser zu beeinflussen. Der Sprecher beschreibt ein "probates Mittel", um die Zeit am "Schlawittel" zu halten, indem man die Taschenuhr zur Hand nimmt und dem Zeiger unverwandt folgt. In diesem Zustand der Konzentration erscheint die Zeit langsam und brav, wie ein gut erzogenes Schaf oder ein Fräulein von Saint-Cyr, das behutsam Schritt für Schritt voranschreitet. Jedoch warnt der Sprecher davor, sich für einen Moment zu verträumen, da die Zeit dann schnell davoneilt. In diesem Fall wird die Zeit mit einem Veilchen verglichen, das plötzlich mit den Beinen eines Straußes rennt und heimlich wie ein Puma ausbricht. Der Sprecher ist überrascht und enttäuscht, als er wieder auf die Uhr schaut und feststellt, dass die Zeit davongelaufen ist. Doch die Uhr lächelt unschuldig und setzt ihren gleichmäßigen Takt fort, als wäre nichts geschehen. Das Gedicht verdeutlicht die subjektive Natur der Zeitwahrnehmung und wie unsere Aufmerksamkeit und Konzentration die Geschwindigkeit beeinflussen können, mit der wir die Zeit erleben. Morgenstern verwendet lebendige Bilder und Metaphern, um die verschiedenen Aspekte der Zeit darzustellen und den Leser zum Nachdenken über die Beziehung zwischen Zeit und menschlicher Wahrnehmung anzuregen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
züchtigliche Veilchen
Personifikation
unschuldig lächelnd macht sie wieder
Vergleich
heimlich wie ein Puma