Die Zeit geht nicht...

Gottfried Keller

1851

Die Zeit geht nicht, sie stehet still, Wir ziehen durch sie hin; Sie ist die Karawanserei, Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos, Das nur Gestalt gewinnt, Wo ihr drin auf und nieder taucht, Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau Im Strahl des Sonnenlichts; Ein Tag kann eine Perle sein Und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weisses Pergament Die Zeit, und jeder schreibt Mit seinem roten Blut darauf, Bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt, Du Schönheit ohne End′, Auch ich schreib′ meinen Liebesbrief Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, dass ich aufgeblüht In deinem runden Kranz; Zum Dank trüb′ ich die Quelle nicht Und lobe deinen Glanz.

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Interpretation

Das Gedicht "Die Zeit geht nicht..." von Gottfried Keller beschreibt die menschliche Wahrnehmung der Zeit als etwas, das nicht von selbst vergeht, sondern durch das sich die Menschen bewegen. Die Zeit wird als eine Karawanserei dargestellt, in der die Menschen als Pilger vorüberziehen, was die Vergänglichkeit des Lebens und die Eile des Daseins betont. Die Zeit selbst ist form- und farblos, gewinnt aber Gestalt durch die Aktivitäten und Erlebnisse der Menschen, die darin auf und nieder tauchen, bis sie wieder vergehen. In der zweiten Strophe wird die Vergänglichkeit des Lebens durch das Bild eines Morgentautropfens verdeutlicht, der im Sonnenlicht glitzert, aber schnell verdunstet. Dies symbolisiert die Kürze des Lebens und die Bedeutungslosigkeit von Jahrhunderten im Vergleich zu einem einzigen, kostbaren Tag. Die Zeit wird als ein weißes Pergament dargestellt, auf das jeder Mensch mit seinem eigenen Blut schreibt, bis er vom Strom des Lebens fortgespült wird. Dies verdeutlicht die Einzigartigkeit und den Wert jedes Lebens, das seine Spuren in der Zeit hinterlässt. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich der Sprecher an die wunderbare Welt und ihre unendliche Schönheit. Er schreibt seinen Liebesbrief auf das Pergament der Zeit, um seine Dankbarkeit und Bewunderung auszudrücken. Der Sprecher ist froh, in der Welt aufgeblüht zu sein und verspricht, die Quelle des Lebens nicht zu trüben, sondern den Glanz der Welt zu loben. Dies zeigt die positive Einstellung des Sprechers gegenüber dem Leben und seine Wertschätzung für die Schönheit und den Reichtum der Welt, trotz der Vergänglichkeit und der Eile des Daseins.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

metapher
Wir schreiben mit unserem roten Blut auf die Zeit
personifikation
Zum Dank trüb′ ich die Quelle nicht und lobe deinen Glanz
symbolik
Das Pergament als Symbol für die Zeit als leeres Blatt, das beschrieben wird
vergleich
Ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nichts