Die Zauberin im Walde
1837»Schon vor vielen, vielen Jahren Saß ich drüben an dem Ufer, Sah manch Schiff vorüber fahren Weit hinein ins Waldesdunkel.
Denn ein Vogel jeden Frühling An dem grünen Waldessaume Sang mit wunderbarem Schalle, Wie ein Waldhorn klang′s im Traume.
Und gar seltsam hohe Blumen Standen an dem Rand der Schlünde, Sprach der Strom so dunkle Worte, ′s war, als ob ich sie verstünde.
Und wie ich so sinnend atme Stromeskühl und Waldesdüfte, Und ein wundersam Gelüsten Mich hinabzog nach den Klüften:
Sah ich auf kristallnem Nachen, Tief im Herzensgrund erschrocken, Eine wunderschöne Fraue, Ganz umwallt von goldnen Locken.
Und von ihrem Hals behende Tät sie lösen eine Kette, Reicht′ mit ihren weißen Händen Mir die allerschönste Perle.
Nur ein Wort von fremdem Klange Sprach sie da mit rotem Munde, Doch im Herzen ewig stehen Wird des Worts geheime Kunde.
Seitdem saß ich wie gebannt dort, Und wenn neu der Lenz erwachte, Immer von dem Halsgeschmeide Eine Perle sie mir brachte.
Ich barg all im Waldesgrunde, Und aus jeder Perl der Fraue Sproßte eine Blum zur Stunde, Wie ihr Auge anzuschauen.
Und so bin ich aufgewachsen, Tät der Blumen treulich warten, Schlummert oft und träumte golden In dem schwülen Waldesgarten.
Fortgespült ist nun der Garten Und die Blumen all verschwunden, Und die Gegend, wo sie standen, Hab ich nimmermehr gefunden.
In der Fern liegt jetzt mein Leben, Breitend sich wie junge Träume, Schimmert stets so seltsam lockend Durch die alten, dunklen Bäume.
Jetzt erst weiß ich, was der Vogel Ewig ruft so bange, bange, Unbekannt zieht ewge Treue Mich hinunter zu dem Sange.
Wie die Wälder kühle rauschen, Zwischendurch das alte Rufen, Wo bin ich so lang gewesen? - O ich muß hinab zur Ruhe!«
Und es stieg vom Schloß hinunter Schnell der süße Florimunde, Weit hinab und immer weiter Zu dem dunkelgrünen Grunde.
Hört die Ströme stärker rauschen, Sah in Nacht des Vaters Burge Stillerleuchtet ferne stehen, Alles Leben weit versunken.
Und der Vater schaut′ vom Berge, Schaut′ zum dunklen Grunde immer, Regte sich der Wald so grausig, Doch den Sohn erblickt′ er nimmer.
Und es kam der Winter balde, Und viel Lenze kehrten wieder, Doch der Vogel in dem Walde Sang nie mehr die Wunderlieder.
Und das Waldhorn war verklungen Und die Zauberin verschwunden, Wollte keinen andern haben Nach dem süßen Florimunde. -
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Interpretation
Das Gedicht "Die Zauberin im Walde" von Joseph von Eichendorff erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Florimunde, der von einer geheimnisvollen Zauberin in den Bann gezogen wird. Die Erzählung beginnt mit einer idyllischen Szene am Waldesrand, wo der Protagonist die Schönheit der Natur und die rätselhaften Gesänge eines Vogels bewundert. Diese mystische Atmosphäre wird durch das Erscheinen der Zauberin verstärkt, die Florimunde eine Perle als Zeichen ihrer Zuneigung schenkt. Die Begegnung mit der Zauberin führt zu einer tiefen Veränderung in Florimundes Leben. Er wird von einem unerklärlichen Drang getrieben, tiefer in den Wald einzudringen und die Geheimnisse zu ergründen, die die Zauberin umgeben. Die Perlen, die sie ihm schenkt, verwandeln sich in Blumen, die er pflegt und beschützt, was seine wachsende Verbundenheit mit der Zauberin und dem Wald symbolisiert. Diese Zeit der Ruhe und des Träumens im "schwülen Waldesgarten" steht im krassen Gegensatz zu seinem späteren Schicksal. Am Ende des Gedichts folgt Florimunde dem Ruf der Zauberin und verschwindet in den Tiefen des Waldes, wobei er sein früheres Leben aufgibt. Sein Vater sucht vergeblich nach ihm, und die magische Atmosphäre des Waldes verblasst mit der Zeit. Die Zauberin und ihre Wunderlieder sind verschwunden, und nur die Erinnerung an Florimunde bleibt als traurige Erinnerung an die verlorene Liebe und das verlorene Paradies zurück. Das Gedicht endet mit einem Gefühl von Sehnsucht und Verlust, das die unausweichliche Anziehungskraft des Unbekannten und die Tragik der menschlichen Existenz unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sprach der Strom so dunkle Worte
- Hyperbel
- Und aus jeder Perl der Fraue Sproßte eine Blum zur Stunde
- Metapher
- Sah ich auf kristallnem Nachen
- Personifikation
- Und der Vogel in dem Walde Sang nie mehr die Wunderlieder.
- Symbolik
- Und die Zauberin verschwunden, Wollte keinen andern haben Nach dem süßen Florimunde.
- Vergleich
- Wie ein Waldhorn klang's im Traume.