Die Worte des Wahns

Friedrich von Schiller

1799

Drei Worte hört man, bedeutungsschwer, Im Munde der Guten und Besten. Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer, Sie können nicht helfen und trösten. Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht, Solang er die Schatten zu haschen sucht.

Solang er glaubt an die goldene Zeit, Wo das Rechte, das Gute wird siegen - Das Rechte, das Gute führt ewig Streit, Nie wird der Feind ihm erliegen, Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei, Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.

Solang er glaubt, dass das buhlende Glück Sich dem Edeln vereinigen werde - Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick; Nicht dem Guten gehöret die Erde. Er ist ein Fremdling, er wandert aus Und suchet ein unvergänglich Haus.

Solang er glaubt, dass dem ird′schen Verstand Die Wahrheit je wird erscheinen - Ihren Schleier hebt keine sterbliche Hand; Wir können nur raten und meinen. Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort, Doch der frei wandelt im Sturme fort.

Drum, edle Seele, entreiß dich dem Wahn, Und den himmlischen Glauben bewahre! Was kein Ohr vernahm, was die Augen nicht sahn, Es ist dennoch das Schöne, das Wahre! Es ist nicht draußen, da sucht es der Thor; Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.

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Illustration zu Die Worte des Wahns

Interpretation

Das Gedicht "Die Worte des Wahns" von Friedrich von Schiller thematisiert die Täuschungen und Illusionen, denen der Mensch im Leben unterliegen kann. Es zeigt auf, wie diese falschen Überzeugungen das menschliche Dasein prägen und wie wichtig es ist, sich von ihnen zu befreien, um wahre Erkenntnis und innere Erfüllung zu erlangen. Im ersten Teil des Gedichts werden drei zentrale Irrtümer des Menschen aufgezeigt. Erstens die vergebliche Jagd nach Schatten und Illusionen, die die Frucht des Lebens verscherzt. Zweitens der Glaube an eine goldene Zeit, in der das Rechte und Gute siegen wird, obwohl dieser Kampf ewig andauert. Drittens die Vorstellung, dass das Glück sich dem Edlen zuwenden wird, obwohl die Erde nicht dem Guten gehört. Der zweite Teil des Gedichts behandelt einen weiteren fundamentalen Irrtum: die Annahme, dass der menschliche Verstand jemals die absolute Wahrheit erkennen kann. Schiller betont, dass die Wahrheit in einem Schleier verborgen bleibt, den keine sterbliche Hand lüften kann. Der Geist, so der Dichter, kann nicht in ein tönendes Wort gekerkert werden, sondern wandelt frei im Sturm fort. Im letzten Teil des Gedichts ruft Schiller den Leser dazu auf, sich von diesen Wahnvorstellungen zu befreien und den himmlischen Glauben zu bewahren. Er betont, dass das Schöne und Wahre existiert, auch wenn es von keinem Ohr gehört oder von keinem Auge gesehen wurde. Diese Wahrheit ist nicht draußen zu suchen, sondern in einem selbst zu finden. Der Mensch bringt sie ewig hervor und muss sie in sich selbst entdecken.

Schlüsselwörter

solang glaubt guten können sucht rechte gute ewig

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Solang er glaubt, dass dem ird′schen Verstand
Anspielung
Und den himmlischen Glauben bewahre
Bildsprache
Sie können nicht helfen und trösten
Hyperbel
Nicht dem Guten gehöret die Erde
Kontrast
Es ist nicht draußen, da sucht es der Thor; Es ist in dir, du bringst es ewig hervor
Metapher
Du kerkerst den Geist in ein tönend Wort
Personifikation
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit
Symbolik
Drum, edle Seele, entreiß dich dem Wahn
Wiederholung
Solang er glaubt