Die Wittwe
1744Dem Herrn Kanonikus Gleim gewidmet.
»Grausamer Tod für feige Seelen, Dich fleh ich an! Zu früh kannst du mich nicht vermählen Mit meinem Mann. Nichts kann der armen Freude geben, Die laut dir ruft; O komm und endige mein Leben Auf seiner Gruft!«
So rief von Klagen ganz ermattet, Dem Tode nah, Von Nacht und Schrecken noch umschattet, Angelika. Ein Ritter im vorübergehen Hört ihr Geschrei, Gerührt von Mitleid bleibt er stehen Und tritt herbei.
Und schon zerfließt im Rosenlichte Des Morgens Grau, Er blickt mit strahlendem Gesichte Aus Duft und Thau, Und Lindor sieht, bedeckt von Sträuchen, Ein Weib so schön, Daß ihr die schönsten alle weichen, Die er gesehn.
Von welchem Pfeil wird er getroffen! Verstört ihr Kleid, Verwirrt das Haar, der Busen offen, Im Auge Leid, Doch daß daraus ein Funke blinket, Der Liebe spricht; Wem Schönheit noch und Jugend winket, Braucht soviel nicht.
»Hier, ruft er aus, hier widerstehet Kein Felsenherz! Nur einen Blick, und es zergehet In Lieb und Schmerz. Gott Amor! Wenn dein Wink auch nimmer Mir Witz verlieh - Doch darf ich sie betrügen? Immer! Ich rette sie!« -
Und ganz der Schönen hingegeben In seinem Sinn, Wirft er, ihr unbemerkt, sich neben Dem Grabe hin; Und sicherer ihr zu gefallen, Als spräche er nur, Läßt er von seinen Seufzern schallen Die ganze Flur.
Angelika hört ihn erschrocken, Sieht sich umher, Hört wieder, ihre Tränen stocken, Sie ächzt nicht mehr. - Warum vergeßen wir die Plagen Die uns gedrückt, Sobald ein andrer gleiche Klagen Gen Himmel schickt? -
Zu elend um für sich zu beben, Sucht sie den Mann, Der solche Seufzer hier erheben, So jammern kann. Neugierig seinen Gram zu wißen, Tritt sie hinzu: »Von welchem herben Schmerz zerrißen Erseufzest du?« -
»Die Frau, die ich verloren habe, Ist meine Quaal!« - »Und ach! spricht sie, in diesem Grabe Liegt mein Gemahl!« - »Die Zeit wird Euer Unglück mindern, Den Trost habt ihr. Doch nichts kann meinen Jammer lindern - Ich schuf ihn mir.«
»Grausamer! Deine Hand verübte Die Unthat? Wie? -« »Nein! weil ich sie zu feurig liebte!« »Zu feurig? sie?« »Bei jeder Schönheit, die Euch schmücket, Ich schwör es Euch! Die mich an ihren Busen drücket, Erblaßet gleich.«
»So komm! Der Tod verschmäht das Leben, Das ich ihm bot; Er weigert sich mir Trost zu geben. Sei du mein Tod! O komm! ich geb in deine Hände Hin meinen Harm. Es sind Angelika ihr Ende In deinem Arm!«
Der du die Einfalt der Empfindung So edel singst, Und Witz und Wohllaut in Verbindung Mit Stärke bringst, Gleim, könnte von den Huldgöttinnen Dies Liedchen mir Ein kleines Lächeln abgewinnen, So dankt ichs dir.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Wittwe" von Heinrich Christian Boie handelt von der verzweifelten Witwe Angelika, die am Grab ihres verstorbenen Mannes dem Tod entgegentritt. Sie sehnt sich danach, ihrem Leben ein Ende zu setzen und ihrem Mann ins Jenseits zu folgen. Doch dann tritt der Ritter Lindor auf den Plan, der von Mitleid ergriffen Angelikas Klagen hört. Er ist von ihrer Schönheit so beeindruckt, dass er beschließt, sie zu retten und ihr Trost zu spenden. Lindor wirft sich neben das Grab und seufzt laut, um Angelikas Aufmerksamkeit zu erregen. Tatsächlich wird sie neugierig und erkundigt sich nach der Ursache seines Kummers. Lindor erwidert, dass seine Frau seine Qual sei, da er sie zu sehr geliebt habe. Angelika erkennt in ihm einen Seelenverwandten und bietet ihm an, sich in seinen Armen das Leben zu nehmen. Das Gedicht endet mit einer Widmung an den Kanonikus Gleim, der für seine Einfalt der Empfindung und seinen Witz bekannt war. Die zentrale Botschaft des Gedichts ist die Kraft der Liebe und des Mitgefühls, die selbst den Tod überwinden kann. Angelika und Lindor finden zueinander, obwohl sie beide von Kummer und Verzweiflung gezeichnet sind. Boie nutzt dabei geschickt die klassischen Elemente der romantischen Dichtung wie die Naturbeschreibung und die Darstellung starker Emotionen, um eine berührende Liebesgeschichte zu erzählen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Rosenlichte
- Anapher
- »Grausamer Tod für feige Seelen, Dich fleh ich an! Zu früh kannst du mich nicht vermählen Mit meinem Mann.«
- Apostrophe
- Gott Amor! Wenn dein Wink auch nimmer Mir Witz verlieh - Doch darf ich sie betrügen? Immer! Ich rette sie!«
- Bildsprache
- Und schon zerfließt im Rosenlichte Des Morgens Grau
- Hyperbel
- Nichts kann der armen Freude geben
- Ironie
- Die Zeit wird Euer Unglück mindern, Den Trost habt ihr. Doch nichts kann meinen Jammer lindern - Ich schuf ihn mir.
- Kontrast
- Von welchem Pfeil wird er getroffen! Verstört ihr Kleid, Verwirrt das Haar
- Metapher
- Dem Tode nah
- Personifikation
- Gott Amor
- Rhetorische Frage
- Und daß daraus ein Funke blinket, Der Liebe spricht; Wem Schönheit noch und Jugend winket, Braucht soviel nicht.