Die Westküsten

Christian Morgenstern

1871

Die Westküsten traten eines Tages zusammen und erklärten, sie seien keine Westküsten, weder Ostküsten noch Westküsten - “daß sie nicht wüßten!”

Sie wollten wieder ihre Freiheit haben und für immer das Joch des Namens abschütteln, womit eine Horde von Menschenbütteln sich angemaßt habe, sie zu begaben.

Doch wie sich befreien, wie sich erretten aus diesen widerwärtigen Ketten? “Ihr Westküsten,” fing eine an zu spotten, “gedenkt ihr den Menschen etwan auszurotten?”

“Und wenn schon!” rief eine andre schrill. “Wenn ich seine Magd nicht mehr heißen will?” - “Dann blieben aber immer noch die Atlanten”, - meinte eine von den asiatischen Tanten.

Schließlich, wie immer in solchen Fällen, tat man eine Resolution aufstellen. Fünfhundert Tintenfische wurden aufgetrieben, und mit ihnen wurde folgendes geschrieben:

Wir Westküsten erklären hiermit einstimmig, daß es uns nicht gibt, und zeichnen hochachtungsvoll: Die vereinigten Westküsten der Erde. - Und nun wollte man, daß dies verbreitet werde.

Sie riefen den Walfisch, doch er tats nicht achten; sie riefen die Möwen, doch die Möwen lachten; sie riefen die Wolke, doch die Wolke vernahm nicht; sie riefen ich weiß nicht was, doch ich weiß nicht was kam nicht.

“Ja wieso denn, wieso?” schrie die Küste von Ekuador: “Wärst du etwa kein Walfisch, du grober Tor?” “Sehr richtig”, sagte der Walfisch mit vollkommener Ruh: “Dein Denken, liebe Küste, dein Denken macht mich erst dazu.”

Da wars den Küsten, als sähn sie sich im Spiegel: ganz seltsam erschien ihnen plötzlich ihr Gewiegel. Still schwammen sie heim, eine jede nach ihrem Land. Und die Resolution, die blieb unversandt.

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Illustration zu Die Westküsten

Interpretation

Das Gedicht "Die Westküsten" von Christian Morgenstern handelt von der Ironie und Absurdität des menschlichen Strebens nach Freiheit und Selbstbestimmung. Die Westküsten erklären, dass sie keine Westküsten mehr sein wollen und sich von den von Menschen auferlegten Namen befreien möchten. Sie diskutieren verschiedene Möglichkeiten, wie sie sich von diesen "Ketten" befreien können, einschließlich der Ausrottung der Menschen. Doch letztendlich erkennen sie die Absurdität ihrer eigenen Forderungen und kehren zu ihrem gewohnten Zustand zurück, ohne ihre Resolution zu versenden. Die Interpretation des Gedichts zeigt, dass die Westküsten als Metapher für menschliche Bestrebungen nach Freiheit und Unabhängigkeit stehen. Die Küsten repräsentieren die verschiedenen Teile der Welt, die sich von den von Menschen auferlegten Grenzen und Namen befreien möchten. Das Gedicht verdeutlicht die Ironie und Absurdität solcher Bestrebungen, da die Küsten letztendlich erkennen, dass sie ohne die Menschen, die sie benennen und definieren, nicht existieren können. Die Resolution, die sie verfassen, wird nie versendet, was symbolisch für die Nutzlosigkeit ihrer Bemühungen steht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Die Westküsten

Stilmittel

Anspielung
Die vereinigten Westküsten der Erde.
Bildsprache
Still schwammen sie heim, eine jede nach ihrem Land.
Hyperbel
Fünfhundert Tintenfische wurden aufgetrieben.
Ironie
Sie wollten wieder ihre Freiheit haben und für immer das Joch des Namens abschütteln.
Metapher
Eine Horde von Menschenbütteln hat sich angemaßt, sie zu begaben.
Personifikation
Die Westküsten treten zusammen und erklären, sie seien keine Westküsten.
Rhetorische Frage
'Ihr Westküsten,' fing eine an zu spotten, 'gedenkt ihr den Menschen etwan auszurotten?'
Symbolik
Die Resolution blieb unversandt.
Wiederholung
Sie riefen den Walfisch, doch er tat nichts achten; sie riefen die Möwen, doch die Möwen lachten; sie riefen die Wolke, doch die Wolke vernahm nicht.