Die Weltweisen
1805Der Satz, durch welchen alles Ding Bestand und Form empfangen, Der Kloben, woran Zeus den Ring Der Welt, die schon in Scherben ging, Vorsichtig aufgehangen, Den nenn′ ich einen großen Geist, Der mir ergründet, wie er heißt, Wenn ich ihm nicht drauf helfe - Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe.
Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt, Der Mensch geht auf zwei Füßen, Die Sonne scheint am Firmament, Das kann, wer auch nicht Logik kennt, Durch seine Sinne wissen. Doch wer Metaphysik studiert, Der weiß, dass, wer verbrennt, nicht friert, Weiß, dass das Nasse feuchtet, Und dass das Helle leuchtet.
Homerus singt sein Hochgedicht, Der Held besteht Gefahren, Der brave Mann tut seine Pflicht, Und tat sie, ich verhehl′ es nicht, Eh noch Weltweise waren; Doch hat Genie und Herz vollbracht, Was Lock′ und Des Cartes nie gedacht, Sogleich wird auch von diesen Die Möglichkeit bewiesen.
Im Leben gilt der Stärke Recht, Dem Schwachen trotzt der Kühne, Wer nicht gebieten kann, ist Knecht; Sonst geht es ganz erträglich schlecht Auf dieser Erdenbühne. Doch wie es wäre, fing der Plan Der Welt nur erst von vornen an, Ist in Moralsystemen Ausführlich zu vernehmen.
“Der Mensch bedarf des Menschen sehr Zu seinem großen Ziele; Nur in dem Ganzen wirket er, Viel Tropfen geben erst das Meer, Viel Wasser treibt die Mühle. Drum flieht der wilden Wölfe Stand Und knüpft des Staates dauernd Band.” So lehren vom Katheder Herr Pufendorf und Feder.
Doch weil, was ein Professor spricht, Nicht gleich zu Allen dringet, So übt Natur die Mutterpflicht Und sorgt, dass nie die Kette bricht, Und dass der Reif nie springet. Einstweilen, bis den Bau der Welt Philosophie zusammenhält, Erhält sie das Getriebe Durch Hunger und durch Liebe.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Weltweisen" von Friedrich von Schiller kritisiert die übermäßige Abhängigkeit von abstrakter philosophischer Logik und Metaphysik. Schiller argumentiert, dass grundlegende Wahrheiten des Lebens, wie die Kälte des Schnees oder die Wärme des Feuers, durch einfache sinnliche Erfahrung bekannt sind, ohne dass komplizierte philosophische Erklärungen erforderlich sind. Er spottet über die Weltweisen, die versuchen, das Offensichtliche durch komplexe Theorien zu beweisen. Schiller betont, dass große Taten und moralische Werte schon vor der Existenz der Weltweisen existierten. Genialität und Herz haben Leistungen vollbracht, die selbst die größten Philosophen nie gedacht hätten. Doch sobald solche Taten geschehen sind, bemühen sich die Weltweisen, ihre Möglichkeit zu beweisen. Schiller deutet an, dass die wirkliche Stärke im Leben oft das Recht bestimmt, während die Weltweisen in ihren Moralsystemen ausführlich darlegen, wie eine ideale Welt aussehen könnte. Abschließend kritisiert Schiller die Lehren der Professoren, die die Notwendigkeit der menschlichen Gemeinschaft und des Staates betonen. Er argumentiert, dass die Natur selbst dafür sorgt, dass die sozialen Bindungen erhalten bleiben, indem sie Hunger und Liebe als natürliche Kräfte einsetzt, die die Menschen zusammenhalten. Solange die Philosophie die Welt nicht vollständig erklären kann, übernehmen diese natürlichen Instinkte die Aufgabe, das gesellschaftliche Getriebe am Laufen zu halten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Viel Tropfen geben erst das Meer, Viel Wasser treibt die Mühle
- Bildsprache
- Im Leben gilt der Stärke Recht, Dem Schwachen trotzt der Kühne
- Hyperbel
- Der Satz, durch welchen alles Ding Bestand und Form empfangen
- Ironie
- Den nenn' ich einen großen Geist, Der mir ergründet, wie er heißt, Wenn ich ihm nicht drauf helfe - Er heißt: Zehn ist nicht Zwölfe.
- Kontrast
- Der Schnee macht kalt, das Feuer brennt
- Metapher
- Erhält sie das Getriebe
- Personifikation
- Und sorgt, dass nie die Kette bricht, Und dass der Reif nie springet
- Rhetorische Frage
- Und tat sie, ich verhehl' es nicht, Eh noch Weltweise waren