Die Welt

Alfred Lichtenstein

1914

(Einem Clown zugeeignet)

Viel Tage stampfen über Menschentiere, In weichen Meeren fliegen Hungerhaie. In Kaffeehäusern glitzern Köpfe, Biere. An einem Mann zerreißen Mädchenschreie.

Gewitter stürzen. Wälderwinde blaken. Gebete kneten Fraun in dünnen Händen: Der Herr Gott möge einen Engel senden. Ein Fetzen Mondlicht schimmert in Kloaken.

Buchleser hocken still auf ihrem Leibe. Ein Abend taucht die Welt in lila Laugen. Ein Oberkörper schwebt in einer Scheibe. Tief aus dem Hirne sinken seine Augen.

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Illustration zu Die Welt

Interpretation

Das Gedicht "Die Welt" von Alfred Lichtenstein zeichnet ein düsteres und chaotisches Bild der Gesellschaft. Es beginnt mit einer Reihe von Bildern, die Gewalt und Verzweiflung suggerieren: Menschen werden als Tiere dargestellt, Haie fliegen in weichen Meeren, und ein Mann wird von den Schreien eines Mädchens zerrissen. Diese Bilder vermitteln ein Gefühl von Unordnung und Brutalität, das die Welt durchdringt. Im zweiten Vers wird die religiöse Dimension der menschlichen Existenz angesprochen. Frauen kneten Gebete in ihren dünnen Händen und hoffen auf die Intervention eines Engels. Doch selbst der Mond, der normalerweise für Hoffnung und Erleuchtung steht, wird in die Kloaken der Welt geworfen. Dies deutet darauf hin, dass selbst die religiöse Suche nach Erlösung in der Dunkelheit und dem Elend der Welt versinkt. Der letzte Vers beschreibt Menschen, die in Büchern versunken sind und die Welt in einem lila Farbton sehen. Ein Oberkörper schwebt in einer Scheibe, und seine Augen sinken tief in sein Hirn. Diese Bilder deuten auf eine Entfremdung von der Realität und eine Flucht in die Welt der Bücher hin. Die Menschen sind so sehr in ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen vertieft, dass sie die Welt um sie herum nicht mehr wahrnehmen können. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Isolation und der Unfähigkeit, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Ein Oberkörper schwebt in einer Scheibe
Hyperbel
An einem Mann zerreißen Mädchenschreie
Metapher
Ein Abend taucht die Welt in lila Laugen
Symbolik
Der Herr Gott möge einen Engel senden