Die Wellenbraut
1815Wenn der Schiffer Abends gleitet Auf des Meeres klarer Fluth, Wenn die Netze ausgebreitet, Und der Jüngling träumend ruht; Da vernimmt er aus der Tiefe Wunderlieblichen Gesang, Und ihm ist, als ob ihn riefe Der geheimnißvolle Klang.
»Tief im Meeresgrund gefangen Bin ich armes, bleiches Kind Nimmer fächelt meine Wangen Hold und süß der Abendwind; Nimmer schau ich Baum und Blüthen Und die Erd′ ist doch so reich! Well′umflossen muß ich hüten Der Korallen starr Gezweig.
Perlen schimmern mir zum Hohne, Gluthen sprühn Demanten aus, Denn die Gaben jeder Zone Einet mein krystall′nes Haus. Strahl der Sonne, Sternenschimmer, Mondesglanz ist fern dem Blick, Und die Tiefe sendet nimmer Ihren Raub dem Licht zurück.
Als der Liebste kam gezogen, Heim zu führen seine Braut, Gab das Rauschen nur der Wogen Antwort auf der Sehnsucht Laut. Aus dem kalten Fluthenbette Dringt kein Liebeston empor, Und er sucht Vinetas Stätte, Die das Meer zur Beut′ erkor.«
Also tönt das holde Singen Und der Jüngling schweigt und lauscht, Bis die Töne süß verklingen, Leise nur die Woge rauscht. Zu dem Kreise der Genossen Kehrt er heim in tiefer Nacht, Trübe sinnt er und verschlossen Und sie flüstern bang und sacht:
Weh! der Arme ist verloren! Zaubersang hat ihn bethört, Er, am heil′gen Tag geboren, Hat die Wellenbraut gehört.« Wo Vinetas Trümmer ragen Hoch empor aus klarer Fluth, Hört der Schiffer oft die Klagen, Tief entzündend Liebesgluth.
In die hellen, kalten Wogen Wirft er Blüth′ auf Blüth′ hinab, Bis ihn Sehnsucht nachgezogen In Vinetas Fluthengrab. Doch die bleiche Wellenschöne Hört mit Klagen nimmer auf; Sehnend, lockend ziehn die Töne Immer noch zum Licht herauf.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Wellenbraut" von Auguste Kurs erzählt die tragische Geschichte einer Meeresbraut, die von der Tiefe aus ihren Liebsten ruft. Die Braut, ein "armes, bleiches Kind", ist in den Tiefen des Meeres gefangen und sehnt sich nach der Oberfläche und der Liebe, die ihr verwehrt bleibt. Ihre Klagen und ihr Gesang ziehen einen jungen Schiffer in ihren Bann, der von ihrem Zauber betört wird. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt das Schicksal des Schifferns, der nach dem Hören der Wellenbraut in eine tiefe Melancholie verfällt. Seine Kameraden erkennen, dass er von der Zaubermelodie verzaubert wurde und prophezeien sein tragisches Ende. Die Sehnsucht nach der Meeresbraut wird für ihn zur Obsession, und er wirft Blumen in die kalten Wellen, bis er selbst in die Tiefe gezogen wird. Im letzten Teil des Gedichts wird deutlich, dass die Wellenbraut auch nach dem Tod des Schifferns weiterhin ihre Klagen und ihren Gesang in die Welt hinaussendet. Ihre Sehnsucht und ihre Liebe bleiben unerfüllt, und sie lockt weiterhin andere in ihr kaltes, nasses Grab. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass die Wellenbraut für immer in ihrer Einsamkeit gefangen ist und ihre Klagen und ihre Liebe niemals enden werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tief entzündend Liebesgluth
- Anapher
- Nimmer fächelt meine Wangen / Nimmer schau ich Baum und Blüthen
- Bildsprache
- In die hellen, kalten Wogen / Wirft er Blüth' auf Blüth' hinab
- Enjambement
- Da vernimmt er aus der Tiefe / Wunderlieblichen Gesang
- Hyperbel
- Und die Erd' ist doch so reich!
- Kontrast
- Strahl der Sonne, Sternenschimmer, / Mondesglanz ist fern dem Blick
- Metapher
- Die Wellenbraut
- Personifikation
- Und der Jüngling schweigt und lauscht
- Rhythmus
- Wenn der Schiffer Abends gleitet / Auf des Meeres klarer Fluth
- Symbolik
- Perlen schimmern mir zum Hohne