Die weiße Qualle
1886Dein Leib, vielgliedrig, ist ein tierhaft Gewächse aus Fleisch. Fischer haben entsetzt dich herausgezogen in ihren Netzen: Eine menschliche Qualle, ein Fabeltier, eine weiße Spinne.
Händler haben dich auf den Markt geworfen und ausgeschrieen. Einen Palast ans Bambus hat man dir aufgebaut. Ein Gehäuse hat man dir hergerichtet voll Seltsamkeit.
Du liebst es, nackt ausgestreckt auf dem Rücken zu liegen Stunden- und tagelang. Du heftest nur widerwillig dich an das Herz Der Männer. Langsam ist dein Umschlingen. Langsam dein Austasten.
Aber dann saugst du dir unerbittlich die Nahrung: Hirn und das Herz und ein wenig Lunge. Dein Leib bleibt kühl. Nur daß er mit Rosen schwillt, durchsichtig, und duftet nach Tang.
Oft auch ist dein Gemach eine glitzernde Fläche aus Tränen. Dann sehnst du dein fernliegend Reich zurück und die Zymbeln der Sonne, Phantastischer Träume voll, die von den Zähnen dir klingen.
So bist du ein Abenteuer, das roh in den Alltag verschleppt ward. Feuer auf Goldgrund. Affen und grüne Geigen und Unzuchtsbäume. Der Himmel ist deinen schiefen Augen eine brennende Glasmalerei.
Du hast deinen Kelch geöffnet. Du bist eine Raubblume im Käfig. Du hast deine Fingerspitzen mir an die Schläfen gesetzt. Ich taumle hernieder, von Wahnsinn getroffen, und zittre im Fallen.
Ich will dich Meer nennen, wenn unsre Liebe stammelt Und du mich stößest gleich einem haltlosen Schiff, Das auf Wogen der Wollust schaukelt.
Mit deines Rückens blanker Geschmeidigkeit Sollst du das Bett uns glätten, daß es sich wölbend schließt Über uns wie die Muschel sich schließt über Perlengut Das im Scharlachbaum der Korallen hängt.
Deine gewölbten Zähne blinken wie ein Türkishalsband. Deine Brüste stehen da wie die Tortürme Einer bestürzten Stadt, die den Feind erwartet Aus der Ebene.
Dreimal geöffnet ist mir dein Leib, in Reife dahingestreckt Mit tauglänzenden Gliedern, daß er geplündert werde. Du bist sehr wirr und voller Taumel und läßest den Feind ein.
Aber ich liebe dich, weil dir der Brunnen des Lebens Jauchzt in der Brusthöhle, selig und übersüß. Weil du mein Becken der Qualen bist, das ich lachend
Umschließe mit meinen Armen. Du bist nur ein Schrei noch, Ein in Musik gebrochener. Und du wirst Worte finden Lieblich und klein wie die Veilchenschar, die versammelt ist An den Abhängen der Kalkfelsen.
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Interpretation
Das Gedicht "Die weiße Qualle" von Hugo Ball ist ein komplexes und symbolträchtiges Werk, das die Ambivalenz menschlicher Beziehungen und die Natur der Liebe thematisiert. Die "weiße Qualle" dient als Metapher für eine Frau, die sowohl anziehend als auch gefährlich ist. Sie wird als "tierhaftes Gewächs aus Fleisch" beschrieben, das aus dem Meer geholt und in die Gesellschaft gebracht wurde, was auf den Verlust ihrer natürlichen Freiheit und Authentizität hindeutet. Die Qualle wird als "Fabeltier" und "weiße Spinne" bezeichnet, was ihre mysteriöse und potenziell bedrohliche Natur unterstreicht. Das Gedicht erkundet die Dualität der Frau als Quelle von Leben und Tod, von Lust und Schmerz. Sie wird als "Raubblume im Käfig" dargestellt, die langsam und bedächtig ihre Opfer umgarnt, um sich dann "unerbittlich die Nahrung" zu saugen. Dies könnte als Symbol für die zerstörerische Kraft der Leidenschaft und der sexuellen Anziehung interpretiert werden. Gleichzeitig wird die Frau als "Brunnen des Lebens" beschrieben, der "jauchzt in der Brusthöhle", was auf ihre lebensspendende und nährende Seite hinweist. Die letzte Strophe des Gedichts bietet eine mögliche Erlösung oder Transformation an. Die Frau wird als "Schrei" beschrieben, der "in Musik gebrochen" ist, was auf das Potenzial für künstlerische oder spirituelle Ausdrucksformen hindeutet. Die Hoffnung besteht darin, dass sie "Worte finden" wird, die "lieblich und klein wie die Veilchenschar" sind, was auf eine Rückkehr zur Unschuld und Reinheit hindeutet. Insgesamt ist das Gedicht eine tiefgründige Meditation über die Komplexität menschlicher Beziehungen und die transformative Kraft der Liebe.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Du bist nur ein Schrei noch, Ein in Musik gebrochener.
- Personifikation
- Du liebst es, nackt ausgestreckt auf dem Rücken zu liegen
- Vergleich
- Deine Brüste stehen da wie die Tortürme