Die weisse Blume

Heinrich Heine

1797

In Vaters Garten heimlich steht Ein Blümchen traurig und bleich; Der Winter zieht fort, der Frühling weht, Bleich Blümchen bleibt immer so bleich. Die bleiche Blume schaut Wie eine kranke Braut.

Zu mir bleich Blümchen leise spricht: Lieb Brüderchen, pflücke mich! Zu Blümchen sprech ich: Das tu ich nicht, Ich pflücke nimmermehr dich; Ich such mit Müh und Not, Die Blume purpurrot.

Bleich Blümchen spricht: Such hin, such her, Bis an deinen kühlen Tod, Du suchst umsonst, findst nimmermehr Die Blume purpurrot; Mich aber pflücken tu, Ich bin so krank wie du.

So lispelt bleich Blümchen, und bittet sehr - Da zag ich, und pflück es schnell. Und plötzlich blutet mein Herz nicht mehr, Mein innres Auge wird hell. In meine wunde Brust Kommt stille Engellust.

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Illustration zu Die weisse Blume

Interpretation

Das Gedicht "Die weisse Blume" von Heinrich Heine erzählt von einer melancholischen Begegnung in einem Garten, in der ein blasses, trauriges Blümchen den Sprecher um sein Leben bittet. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung des Blümchens, das das ganze Jahr über bleich und traurig bleibt, selbst wenn der Winter vorbei ist und der Frühling kommt. Das Blümchen wird mit einer kranken Braut verglichen, was auf eine tiefe Traurigkeit und Sehnsucht hindeutet. Das Blümchen fleht den Sprecher an, es zu pflücken, aber der Sprecher weigert sich zunächst und erklärt, dass er nach einer purpurroten Blume sucht. Das Blümchen entgegnet, dass diese Suche vergeblich sein wird, und offenbart, dass es selbst krank ist wie der Sprecher. Diese Interaktion zwischen dem Blümchen und dem Sprecher symbolisiert die Suche nach etwas Schönem und Lebendigem in einer Welt, die von Traurigkeit und Krankheit geprägt ist. Am Ende des Gedichts gibt der Sprecher nach und pflückt das Blümchen. Dies führt zu einer plötzlichen Veränderung in ihm: Sein Herz blutet nicht mehr, und sein inneres Auge wird klar. Die "stille Engellust", die in seine wunde Brust kommt, deutet auf eine Art spirituelle oder emotionale Heilung hin, die durch die Annahme des Blümchens und vielleicht auch durch die Annahme der eigenen Traurigkeit und Krankheit erreicht wird. Das Gedicht endet mit einer positiven Wendung, die zeigt, dass durch das Annehmen und Verstehen der eigenen Schwächen und Schmerzen Heilung und innerer Frieden gefunden werden können.

Schlüsselwörter

blümchen bleich blume such spricht pflücke nimmermehr purpurrot

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
pflücke mich
Anapher
Suche hin, such her, Bis an deinen kühlen Tod
Bildsprache
In meine wunde Brust Kommt stille Engellust
Ironie
Du suchst umsonst, findst nimmermehr Die Blume purpurrot
Kontrast
Die bleiche Blume schaut Wie eine kranke Braut
Metapher
Die bleiche Blume schaut Wie eine kranke Braut.
Personifikation
In Vaters Garten heimlich steht Ein Blümchen traurig und bleich
Symbolik
Die Blume purpurrot