Die Weiber von Weinsberg
1789Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt? Soll sein ein wackres Städtchen, Soll haben, fromm und klug gewiegt, Viel Weiberchen und Mädchen. Kömmt mir einmal das Freien ein, So werd’ ich eins aus Weinsberg frei’n.
Einsmals der Kaiser Konrad war Dem guten Städtlein böse, Und rückt’ heran mit Kriegesschar Und Reisigengetöse, Umlagert’ es, mit Roß und Mann, Und schoß und rannte drauf und dran.
Und als das Städtlein widerstand, Trotz allen seinen Nöten, Da ließ er, hoch von Grimm entbrannt, Den Herold ’nein trompeten: Ihr Schurken, komm’ ich ’nein, so, wißt, Soll hängen, was die Wand bepißt.
Drob, als er den Avis also Hinein trompeten lassen, Gab’s lautes Zetermordio, Zu Haus und auf den Gassen. Das Brot war teuer in der Stadt; Doch teurer noch war guter Rat.
“O weh, mir armen Korydon! O weh mir! die Pastores Schrie’n: Kyrie Eleison! Wir gehn, wir gehn kapores! O weh, mir armen Korydon! Es juckt mir an der Kehle schon.”
Doch wann’s Matthä’ am letzten ist, Trotz Raten, Thun und Beten, So rettet oft noch Weiberlist Aus Ängsten und aus Nöten. Denn Pfaffentrug und Weiberlist Gehn über alles, wie ihr wißt.
Ein junges Weibchen Lobesan, Seit gestern erst getrauet, Gibt einen klugen Einfall an, Der alles Volk erbauet; Den ihr, sofern ihr anders wollt, Belachen und beklatschen sollt.
Zur Zeit der stillen Mitternacht Die schönste Ambassade Von Weibern sich ins Lager macht, Und bettelt dort um Gnade. Sie bettelt sanft, sie bettelt süß, Erhält doch aber nichts, als dies:
“Die Weiber sollten Abzug han, Mit ihren besten Schätzen, Was übrig bliebe, wollte man Zerhauen und zerfetzen.” Mit der Kapitulation Schleicht die Gesandtschaft trüb’ davon.
Drauf, als der Morgen bricht hervor, Gebt Achtung! Was geschiehet? Es öffnet sich das nächste Thor, Und jedes Weibchen ziehet, Mit ihrem Männchen schwer im Sack’, So war ich lebe! Huckepack.-
Manch Hofschranz suchte zwar sofort Das Kniffchen zu vereiteln; Doch Konrad sprach: “Ein Kaiserwort Soll man nicht dreh’n noch deuteln. Ha bravo! rief er, bravo so! Meint’ unsre Frau es auch nur so!”
Er gab Pardon und ein Bankett, Den Schönen zu gefallen. Da ward gegeigt, da ward trompet’t, Und durchgetanzt mit allen, Wie mit der Burgemeisterin, So mit der Besembinderin.
Ei! sagt mir doch, wo Weinsberg liegt? Ist gar ein wackres Städtchen. Hat, treu und fromm und klug gewiegt, Viel Weiberchen und Mädchen. Ich muß, kömmt mir das Freien ein, Führwahr! muß Eins aus Weinsberg frei’n.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Weiber von Weinsberg" von Gottfried August Bürger erzählt die Geschichte einer Belagerung der Stadt Weinsberg durch Kaiser Konrad. Die Stadt wird von einer Schar Frauen verteidigt, die ihren Männern das Leben retten wollen. Die Frauen schaffen es, den Kaiser zu täuschen, indem sie ihre Männer auf dem Rücken tragen und so als ihre wertvollsten Schätze ausgeben. Der Kaiser ist von der List der Frauen so beeindruckt, dass er ihnen und ihren Männern die Freiheit schenkt und ein Festmahl für sie veranstaltet. Das Gedicht ist in sieben Strophen unterteilt, die jeweils einen bestimmten Teil der Handlung erzählen. Die erste Strophe führt die Stadt Weinsberg und ihre Bewohner ein, die als fromm, klug und schön beschrieben werden. Die zweite Strophe schildert den Einmarsch des Kaisers und seiner Armee, die die Stadt belagern und angreifen. Die dritte Strophe zeigt die Reaktion des Kaisers auf den Widerstand der Stadt, der mit dem Tod aller Einwohner droht. Die vierte Strophe verdeutlicht die Verzweiflung der Bürger, die sich in einem Lied beklagen. Die fünfte Strophe stellt die Hauptfigur des Gedichts vor, eine junge Frau namens Lobesan, die einen klugen Plan ausheckt. Die sechste Strophe beschreibt die Ausführung des Plans, bei dem die Frauen ihre Männer auf dem Rücken tragen und so als ihre Schätze ausgeben. Die siebte Strophe zeigt das glückliche Ende des Gedichts, bei dem der Kaiser die Frauen und ihre Männer begnadigt und ein Fest für sie veranstaltet. Das Gedicht ist eine humorvolle und ironische Darstellung einer historischen Begebenheit, die als "Treue Weiber von Weinsberg" bekannt ist. Das Gedicht spielt mit verschiedenen Elementen der Volksdichtung, wie dem Reimschema, dem Refrain, den Dialektwörtern und den übertriebenen Charakteren. Das Gedicht karikiert auch die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, die als listig, mutig und selbstlos dargestellt werden. Das Gedicht lobt die Frauen von Weinsberg als Vorbilder für Treue und Klugheit, die es verdienen, geehrt und bewundert zu werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Viel Weiberchen und Mädchen
- Anapher
- O weh, mir armen Korydon! / O weh mir! die Pastores
- Bildsprache
- mit ihrem Männchen schwer im Sack'
- Hyperbel
- Es juckt mir an der Kehle schon
- Ironie
- So mit der Burgemeisterin, / So mit der Besembinderin
- Metapher
- Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?
- Personifikation
- Das Brot war teuer in der Stadt
- Reimschema
- AABB
- Wiederholung
- bravo! rief er, bravo so!