Die Wasserfäden

Annette von Droste-Hülshoff

1848

»Neid′ uns! neid′ uns! laß die Zweige hangen, Nicht weil flüssigen Kristall wir trinken, Neben uns des Himmels Sterne blinken, Sonne sich in unserm Netz gefangen — Nein, des Teiches Blutsverwandte, fest Hält er all uns an die Brust gepreßt, Und wir bohren unsre feinen Ranken In das Herz ihm, wie ein liebend Weib, Dringen Adern gleich durch seinen Leib, Dämmern auf wie seines Traums Gedanken; Wer uns kennt, der nennt uns lieb und treu, Und die Schmerle birgt in unsrer Hut Und die Karpfenmutter ihre Brut; Welle mag in unserm Schleier kosen; Uns nur traut die holde Wasserfei, Sie, die schöne, lieblicher als Rosen Schleuß, Trifolium, die Glocken auf, Kurz dein Tag, doch königlich sein Lauf!«

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Illustration zu Die Wasserfäden

Interpretation

Das Gedicht "Die Wasserfäden" von Annette von Droste-Hülshoff handelt von der Natur und den Beziehungen, die sich in ihr entwickeln. Die Wasserfäden, wahrscheinlich Wasserpflanzen oder Algen, sprechen in einem lyrischen Monolog und preisen ihre Verbundenheit mit dem Teich, in dem sie leben. Sie betonen, dass ihre Zuneigung nicht auf äußeren Reizen wie dem Trinken von Kristall oder dem Anblick von Sternen und Sonne beruht, sondern auf einer tiefen, innigen Verbindung zum Teich. Die Wasserfäden beschreiben ihre Beziehung zum Teich als eine liebevolle und schützende. Sie vergleichen sich mit einem liebenden Weib, das sich an den Teich schmiegt und in sein Herz eindringt, ähnlich wie Adern durch einen Körper fließen. Diese Metapher verdeutlicht die enge Verbundenheit und das gegenseitige Durchdringen von Pflanzen und Wasser. Die Wasserfäden betonen, dass sie von denen, die sie kennen, als lieb und treu angesehen werden, und dass sie Schutz für die im Teich lebenden Fische bieten. Im letzten Teil des Gedichts wird die Beziehung der Wasserfäden zur Natur weiter ausgeschmückt. Sie laden die Wasserfee ein, sich in ihrem Schleier zu kosen, was die harmonische Koexistenz im Ökosystem des Teichs unterstreicht. Die Erwähnung von Trifolium, einer Pflanzenart mit dreiblättrigen Blättern, symbolisiert die Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens. Das Gedicht endet mit einer Ermutigung, das kurze Leben in vollen Zügen zu genießen, und verweist auf die vergängliche, aber königliche Natur des Daseins.

Schlüsselwörter

neid unserm laß zweige hangen flüssigen kristall trinken

Wortwolke

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Stilmittel

Metapher
Kurz dein Tag, doch königlich sein Lauf
Personifikation
Neid′ uns! neid′ uns! laß die Zweige hangen
Vergleich
Dringen Adern gleich durch seinen Leib