Die Wallfahrt nach Kevlaar
1921Am Fenster stand die Mutter, Im Bette lag der Sohn. “Willst du nicht aufstehn, Wilhelm, Zu schaun die Prozession?”
“Ich bin so krank, o Mutter, Daß ich nicht hör und seh; Ich denk an das tote Gretchen, Da tut das Herz mir weh.” -
“Steh auf, wir wollen nach Kevlaar, Nimm Buch und Rosenkranz; Die Muttergottes heilt dir Dein krankes Herze ganz.”
Es flattern die Kirchenfahnen, Es singt im Kirchenton; Das ist zu Köllen am Rheine, Da geht die Prozession.
Die Mutter folgt der Menge, Den Sohn, den führet sie, Sie singen beide im Chore: “Gelobt seist du, Marie!”
Die Muttergottes zu Kevlaar Trägt heut ihr bestes Kleid; Heut hat sie viel zu schaffen, Es kommen viel kranke Leut'.
Die kranken Leute bringen Ihr dar, als Opferspend’, Aus Wachs gebildete Glieder, Viel wächserne Füß’ und Händ'.
Und wer eine Wachshand opfert, Dem heilt an der Hand die Wund’; Und wer einen Wachsfuß opfert, Dem wird der Fuß gesund.
Nach Kevlaar ging mancher auf Krücken, Der jetzo tanzt auf dem Seil, Gar mancher spielt jetzt die Bratsche, Dem dort kein Finger war heil.
Die Mutter nahm ein Wachslicht, Und bildete draus ein Herz. “Bring das der Muttergottes, Dann heilt sie deinen Schmerz.”
Der Sohn nahm seufzend das Wachsherz, Ging seufzend zum Heiligenbild; Die Träne quillt aus dem Auge, Das Wort aus dem Herzen quillt:
“Du Hochgebenedeite, Du reine Gottesmagd, Du Königin des Himmels, Dir sei mein Leid geklagt!
Ich wohnte mit meiner Mutter Zu Köllen in der Stadt, Der Stadt, die viele hundert Kapellen und Kirchen hat.
Und neben uns wohnte Gretchen, Doch die ist tot jetzund - Marie, dir bring ich ein Wachsherz, Heil du meine Herzenswund'.
Heil du mein krankes Herze - Ich will auch spät und früh Inbrünstiglich beten und singen: ‘Gelobt seist du, Marie!’”
Der kranke Sohn und die Mutter, Die schliefen im Kämmerlein; Da kam die Muttergottes Ganz leise geschritten herein.
Sie beugte sich über den Kranken, Und legte ihre Hand Ganz leise auf sein Herze, Und lächelte mild und schwand.
Die Mutter schaut alles im Traume, Und hat noch mehr geschaut; Sie erwachte aus dem Schlummer, Die Hunde bellten so laut.
Da lag dahingestrecket Ihr Sohn, und der war tot; Es spielt auf den bleichen Wangen Das lichte Morgenrot.
Die Mutter faltet die Hände, Ihr war, sie wußte nicht wie; Andächtig sang sie leise: “Gelobt seist du, Marie!”
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Interpretation
Das Gedicht "Die Wallfahrt nach Kevlaar" von Heinrich Heine erzählt die Geschichte einer Mutter und ihres kranken Sohnes Wilhelm, der nicht aufstehen möchte, um eine Prozession zu sehen, da er an das tote Mädchen Gretchen denkt und sein Herz schwer ist. Die Mutter überredet ihn, mit ihr nach Kevlaar zu gehen, um die Muttergottes um Heilung zu bitten. Dort angekommen, beobachten sie die Prozession und bringen ein aus Wachs geformtes Herz als Opfergabe dar. Der Sohn betet zur Muttergottes und bittet sie, sein krankes Herz zu heilen und Gretchens Tod zu sühnen. In der Nacht träumt die Mutter, dass die Muttergottes in ihr Kämmerlein kommt, sich über den Kranken beugt, ihre Hand auf sein Herz legt und lächelnd verschwindet. Als die Mutter aufwacht, bellen die Hunde laut und sie findet ihren Sohn tot im Bett liegend vor. Sein Gesicht leuchtet im Morgenrot. Die Mutter faltet die Hände, singt andächtig "Gelobt seist du, Marie!" und ist sich nicht sicher, ob die Muttergottes ihren Sohn geheilt oder in den Himmel geholt hat. Das Gedicht thematisiert den Glauben an die wundersame Heilungskraft der Muttergottes und die Ambivalenz zwischen Hoffnung und Verzweiflung angesichts des Todes. Es zeigt die tiefe Trauer der Mutter über den Verlust ihres Sohnes und ihre Suche nach Trost im Glauben. Die ambivalenten Traumsequenzen lassen offen, ob die Muttergottes den Sohn tatsächlich geheilt oder ihn in den Himmel geholt hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung von 'k' in 'krankes Herze' und 'kranken Leute' ist ein Beispiel für Alliteration.
- Apostrophe
- Der Sohn spricht direkt zur Muttergottes, als ob sie anwesend wäre, was eine Apostrophe ist.
- Bildsprache
- Die lebendige Beschreibung der Prozession und der Opfergaben schafft starke visuelle Bilder.
- Hyperbel
- Die Beschreibung, dass der Sohn nach der Heilung 'jetzt auf dem Seil tanzt', ist eine Übertreibung seiner Genesung.
- Ironie
- Die Ironie liegt darin, dass die Muttergottes den Sohn zwar heilt, aber er dabei stirbt.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen dem 'toten Gretchen' und der Hoffnung auf Heilung durch die Muttergottes.
- Metapher
- Die Muttergottes wird als Heilerin des Herzens dargestellt, was eine Metapher für emotionale Heilung ist.
- Personifikation
- Die Muttergottes 'trägt heute ihr bestes Kleid' und 'hat heute viel zu schaffen', was menschliche Eigenschaften auf eine göttliche Figur überträgt.
- Symbolik
- Das Wachsherz symbolisiert das kranke Herz des Sohnes und seine Hoffnung auf Heilung.
- Wiederholung
- Die Wiederholung von 'Gelobt seist du, Marie!' am Ende jeder Strophe betont die religiöse Hingabe.