Die Wahnsinnige B.

Heinrich Christian Boie

1868

Aus elysischen Myrtenhainen, Wo abgeschiedne Liebende weinen, Von stillen Bächen mondbeglänzt, Die ewig blühender Frühling kränzt, Kommt mit Grabeslumpen umhangen, Kommt die arme Hanne hergegangen, Linderung wo und Ruhe zu erlangen.

Ha! wie blutig, wie düster Der sinkende Mond da scheint! Wie im Pappelgeflüster Der Nachtigall Stimme weint! Wie dort am quelligen Berge, Wo Feuerwürmer glühn, Die Elfen, Nixen und Zwerge Den ringelnden Reigen ziehn!

In jener Primel Kelch begraben, Ruht Er, gekühlt von hellem Thau. - Täglich soll dich meine Thräne laben, Daß du nicht welkst, o Blümchen der Au! Denn seit man ihn begraben, Hat Hanne keine Freude mehr. Vergißmeinnicht und Rosen will ich finden, Ihm einen Totenkranz zu binden, Von meinen Thränen schwer. Nicht Glockenklang, Nicht Grabgesang, Mein Seufzer nur erschall umher.

Wo ist der hole Baum im Hain? Allein will ich mir betten, allein! Dem Tode lächeln, segnen das Verderben - Und sterben. Nachtraben und Fledermäuse In banger, gräulicher Weise, Uhu und Eulen Sollen mein Grablied heulen. -

Sahet ihr ihn? Wie die schwarzen Augen ihm glühn? O fürchtet, Mädchen, ihre Macht! Nehmt euer Herz in Acht! Wie würdet ihr dem Mann entfliehn? - Horch, horch! Aus Moderduft Der alte Charon ruft! Mit Geißeln nahm die Erynnen Und rufen: von hinnen, von hinnen! -

So kehr ich denn, woher ich kam. Die Welt ist viel zu toll: nichts lindert meinen Gram. Was sollt ich länger umsonst hier schmachten? Die Lieb’ ist alles Elends Same, Ist Seifenblas’ und Schatten und Name, Den Narren bewundern und Weise verachten.

Kalt und hungrig bin ich nun. Unter Blumen will ich ruhn, Träumend auf sonnige Rasen sinken, Ambrosia kosten und Nektar trinken Und singen: Wer heiter ist und froh, Kann jeden Gram bezwingen. Bei Waßer und auf Stroh Bin ich in meinem Sinn Zufriedner als die Königin, So lang ich ohne Feßel bin.

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Illustration zu Die Wahnsinnige B.

Interpretation

Das Gedicht "Die Wahnsinnige B." von Heinrich Christian Boie schildert die tragische Geschichte einer Frau namens Hanne, die durch die Trennung von ihrem Geliebten in den Wahnsinn getrieben wurde. Hanne wandert aus den elysischen Gefilden, wo sie einst glücklich war, in die irdische Welt, um Trost und Ruhe zu finden. Doch die Realität ist grausam und düster, und Hanne ist von Trauer und Verzweiflung erfüllt. Hanne sucht nach ihrem verstorbenen Geliebten und findet ihn in einer Primel begraben. Sie schwört, ihn täglich mit ihren Tränen zu bewässern, damit die Blume nicht welkt. Hanne beschließt, einen Totenkranz aus Vergissmeinnicht und Rosen für ihren Geliebten zu binden, getränkt in ihren eigenen Tränen. Sie sehnt sich danach, in der Nähe ihres Geliebten zu sein und mit ihm zu sterben, umgeben von finsteren Kreaturen wie Nachtraven, Fledermäusen, Uhus und Eulen. Hanne warnt die Mädchen vor der Macht der schwarzen Augen ihres Geliebten und mahnt sie, ihr Herz zu hüten. Sie hört den Ruf des alten Charon und wird von den Furien dazu aufgefordert, zu gehen. Hanne kehrt zurück, woher sie kam, da die Welt zu verrückt ist und nichts ihren Kummer lindern kann. Sie erkennt, dass die Liebe die Quelle allen Elends ist und von Narren bewundert, aber von Weisen verachtet wird. Hanne ist nun kalt und hungrig und sehnt sich danach, unter Blumen zu ruhen, Ambrosia zu kosten und Nektar zu trinken. Sie singt von der Macht der Fröhlichkeit und Zufriedenheit, selbst auf Stroh und Wasser, solange sie frei von Fesseln ist.

Schlüsselwörter

will kommt hanne glühn begraben allein weise horch

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Der Nachtigall Stimme weint
Anspielung
Der alte Charon ruft
Bildsprache
Die Elfen, Nixen und Zwerge / Den ringelnden Reigen ziehn
Hyperbel
Die Lieb' ist alles Elends Same
Kontrast
Bei Waßer und auf Stroh / Bin ich in meinem Sinn / Zufriedner als die Königin
Metapher
Wo abgeschiedne Liebende weinen
Personifikation
Der sinkende Mond da scheint
Symbolik
Ambrosia kosten und Nektar trinken
Vergleich
Ist Seifenblas' und Schatten und Name
Wiederholung
von hinnen, von hinnen