Die Wahlesel
1855Die Freiheit hat man satt am End, und die Republik der Tiere begehrte, dass ein einziger Regent sie absolut regiere.
Jedwede Tiergattung versammelte sich, Wahlzettel wurden geschrieben; Parteisucht wütete fürchterlich, Intrigen wurden getrieben.
Das Komitee der Esel ward von Alt-Langohren regieret; sie hatten die Köpfe mit einer Kokard, die schwarz-rot-gold, verzieret.
Es gab eine kleine Pferdepartei, doch wagte sie nicht zu stimmen; sie hatte Angst vor dem Geschrei der Alt-Langohren, der grimmen.
Als einer jedoch die Kandidatur des Rosses empfahl, mit Zeter ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr, und schrie: Du bist ein Verräter!
Du bist ein Verräter, es fliesst in dir kein Tropfen vom Eselsblute; du bist kein Esel, ich glaube schier, dich warf eine welsche Stute.
Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut sie ist gestreift zebräisch; auch deiner Stimme näselnder Laut klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.
Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur Verstandesesel, ein kalter; du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur, dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.
Ich aber versenkte die Seele ganz in jenes süsse Gedösel; ich bin ein Esel, in meinem Schwanz ist jedes Haar ein Esel.
Ich bin kein Römling, ich bin kein Sklav; ein deutscher Esel bin ich, gleich meinen Vätern. Sie waren so brav, so pflanzenwüchsig, so sinnig.
Sie spielten nicht mit Galanterei frivole Lasterspiele; sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei, mit ihren Säcken zu Mühle.
Die Väter sind nicht tot! Im Grab nur ihre Häute liegen, die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab schaun sie auf uns mit Vergnügen.
Verklärte Esel im Gloria-Licht! Wir wollen euch immer gleichen und niemals von dem Pfad der Pflicht nur einen Fingerbreit weichen.
O welche Wonne, ein Esel zu sein! Ein Enkel von solchen Langohren! Ich möchte es von allen Dächern schrein: ich bin als ein Esel geboren.
Der große Esel, der mich erzeugt, es war von deutschem Stamme; mit deutscher Eselsmilch gesäugt hat mich die Mutter, die Mamme.
Ich bin ein Esel, und will getreu, wie meine Väter, die Alten, an der alten, lieben Eselei, am Eseltume halten.
Und weil ich ein Esel, so rat ich euch, den Esel zum König zu wählen; wir stiften das große Eselreich, wo nur die Esel befehlen.
Wir sind alle Esel! I-A! I-A! Wir sind keine Pferdeknechte. Fort mit den Rosen! Es lebe hurra! Der König vom Eselsgeschlechte!
So spracht der Pariot. Im Saal die Esel Beifall rufen. Sie waren alle national, und stampften mit den Hufen.
Sie haben des Redners Haupt geschmückt mit einem Eichenkranze. Er dankte stumm, und hochbeglückt wedelt′ er mit dem Schwanze.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Wahlesel" von Heinrich Heine ist eine satirische Abrechnung mit der politischen Landschaft seiner Zeit, insbesondere mit dem Nationalismus und der Parteilichkeit. Heine verwendet das Bild der Esel, um die Selbstüberschätzung und den engstirnigen Patriotismus seiner Zeitgenossen zu kritisieren. Die Esel, die sich selbst als überlegen und reinrassig betrachten, werden als wahlbereite Tiere dargestellt, die einen ihrer Art zum absoluten Herrscher wählen wollen. Dies spiegelt die politischen Verhältnisse wider, in denen die Menschen nach einem starken Führer verlangten, der sie regieren sollte. Die Wahlversammlung der Esel ist ein Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft, in der Parteien und Fraktionen um die Macht kämpfen. Die "Alt-Langohren", die das Komitee der Esel leiten, sind Symbol für die etablierten Kräfte, die ihre Position durch Intrigen und Zwang aufrechterhalten. Die Angst der Pferde vor den Eseln zeigt die Unterdrückung von Minderheiten und die Einschüchterung von Dissidenten. Der Vorwurf des Verrats an denjenigen, der einen anderen Kandidaten vorschlägt, verdeutlicht die Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen und die Verfolgung von "Verrätern" im politischen System. Die Rede des "Parioten" ist eine Verhöhnung des übertriebenen Nationalstolzes und der blinden Anhänglichkeit an Traditionen. Der Esel preist seine eigene Art als die einzig wahre und wertvolle, verachtet alles Fremde und fordert die Errichtung eines "Eselreichs", in dem nur Esel herrschen sollen. Dies ist eine Anspielung auf die nationalistischen Bestrebungen und den Wunsch nach einer reinen, von Ausländern unberührten Gesellschaft. Die Esel im Saal, die begeistert applaudieren und den Redner mit einem Eichenkranz schmücken, symbolisieren die Masse, die sich von populistischen Reden blenden lässt und bereit ist, einem autoritären Führer zu folgen. Heine kritisiert damit die Gefahr des blinden Gehorsams und die Bereitschaft, die eigene Freiheit für vermeintliche Sicherheit und Ordnung aufzugeben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Parteisucht wütete fürchterlich
- Metapher
- hochbeglückt wedelt er mit dem Schwanze
- Personifikation
- Die Freiheit hat man satt am End