Die Wahl

Friedrich Gottlieb Klopstock

1724

Europa herrschet. Immer geschmeichelter Gebietest du der Herrscherin, Sinnlichkeit! Die Blumenkette, die du anlegst, Klirret nicht, aber umringelt fester,

Als jene, die den bleichen Gefangenen Im Turme lastet. Zauberin Sinnlichkeit, Du tötest alles, was erinnert, Daß sie nicht Leib nur, daß eine Seele

Sie auch doch haben! Von der Erhabenen, Von ihrer Größe red ich nicht, sage nur: Du schläferst ein, daß sie in sich nichts Außer der schlagenden Ader fühlen.

Das soll nun endlich enden! Der edle Krieg Der großen, liebenswürdigen Gallier Raubt bis zum letzten Scherf. Euch sinket Welkend vom Arme die Blumenkette.

Die Donnerstimme schallt euch der eisernen Notwendigkeit! Ihr strauchelt des Lebens Weg Verarmt: wie wär es möglich, daß ihr Nun in der Zauberin Schoß noch ruhtet?

Doch wenn ein Funken Seele vielleicht in euch Aufglimmet, wenn ihr zürnt, daß ihr Knechte seid … Was frommts? Ihr habt zum Flintenstein die Pfennige nicht, noch zu einer Kugel!

Ihr saht es welken, hörtet die eiserne Notwendigkeit. Was wollet ihr tun? Wohlan, Zur Wahl: Verzweifelt! oder macht euch Glücklicher, als es der Zauber konnte.

Wer, was die Schöpfung, und was er selbst sei, forscht; Anbetend forscht, was Gott sei, den heitert, stärkt Genuß des Geistes: wen nach diesen Quellen nie dürstete, der erlieget.

Der Künste Blumen können zur Heiterkeit Auch wieder wecken; führt euch des Kenners Blick. Die Farbe trüget oft; der Blumen Seelen sind labende Wohlgerüche.

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Illustration zu Die Wahl

Interpretation

Das Gedicht "Die Wahl" von Friedrich Gottlieb Klopstock thematisiert die Herrschaft der Sinnlichkeit über die Menschen und ruft zu einer bewussten Entscheidung für geistige Erhebung auf. Klopstock beschreibt die Sinnlichkeit als eine betörende Zauberin, die die Menschen in eine materialistische Fesselung führt und sie von ihrer wahren, geistigen Natur entfremdet. Die Metapher der "Blumenkette" verdeutlicht die verführerische, aber letztlich gefangennehmende Wirkung der sinnlichen Begierden. Die zweite Strophe verdeutlicht die zerstörerische Kraft der Sinnlichkeit, die das Bewusstsein für die Seele und die geistige Größe des Menschen auslöscht. Die Menschen werden zu reinen Körperwesen reduziert, die nur noch ihre körperlichen Bedürfnisse und Empfindungen wahrnehmen. Klopstock bedauert diesen Zustand und sehnt sich nach einem Ende dieser Herrschaft der Sinnlichkeit. In der dritten und vierten Strophe wird die Situation der Menschen durch äußere Umstände, symbolisiert durch den "edlen Krieg" und die "eiserne Notwendigkeit", verschärft. Die Menschen werden materiell ausgebeutet und in ihrer Existenz bedroht. Trotzdem verharren sie in ihrer sinnlichen Verblendung und suchen weiterhin Trost in der "Zauberin Schoß". Klopstock stellt den Menschen eine radikale Wahl: Entweder sie verzweifeln an ihrer Lage oder sie finden einen Weg zu einem höheren, geistigen Glück, das die Sinnlichkeit niemals bieten kann. Die abschließenden Strophen bieten einen Ausweg aus der sinnlichen Verstrickung. Klopstock empfiehlt die Suche nach geistiger Erkenntnis und die Anbetung Gottes als Mittel zur Stärkung und Erhebung des Menschen. Auch die Künste können als Quelle der Heiterkeit und Inspiration dienen, jedoch nur, wenn man sie mit dem Auge des Kenners betrachtet und ihre tiefere, seelische Bedeutung erkennt. Letztendlich liegt es an jedem Einzelnen, sich aus der Fesselung der Sinnlichkeit zu befreien und den Weg zu geistiger Erkenntnis und Erfüllung zu beschreiten.

Schlüsselwörter

sinnlichkeit blumenkette zauberin seele notwendigkeit forscht blumen europa

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Stilmittel

Hyperbel
Du tötest alles, was erinnert
Metapher
Der Künste Blumen können zur Heiterkeit / Auch wieder wecken
Parallelismus
Wer, was die Schöpfung, und was er selbst sei, forscht; / Anbetend forscht, was Gott sei
Personifikation
Europa herrschet