Die Wahl des Lebens
1879Erste Betrachtung.
Wohl wähle, was Du wählest! Ein Amt macht Dich verdient, In Häusern wohnt die Ruhe, Vom Meer her reizt Gewinn; Die Landlust ist voll Unschuld, Viel′ Reisen machen klug; Die Armuth würzt die Speisen; Den Reichthum nutze wohl! Die Einsamkeit giebt Freiheit, Die Ehe eignen Herd, Die Kinder stillen Wünsche, Und sorglos sein macht leer; Die Jugend ist stets munter, Das Alter klug und fromm. Willst Du denn noch so wählen: Todt oder nicht geboren? Nein! es ist gut zu leben! Drum so genieß Dein Leben Und pflanz es sicher fort!
Zweite Betrachtung.
Welch Leben soll ich erwählen? In Aemtern giebt′s Verdruß, In Häusern schwarze Sorgen Und auf dem Meer Gefahr; Der Landbau, ach! ermüdet, Die Reisen matten ab; Beschwerlich ist die Armuth, Der Reichthum doch noch mehr. Die Ehe bringet Plagen, Alleinsein ist nicht gut, Die Kinder machen Sorgen, Und keine haben schmerzt; Die Jugendzeit ist närrisch, Das Alter wieder schwach. Ach, hätt′ ich wählen können: Entweder nicht geboren, Und? oder gleich gestorben? Nur Phyllis zu vergnügen, Strengt sich mein Ehrgeiz an; Nur Phyllis zu besiegen, Ist, was mein Herz sich wünschen kann, Mit ihr das Loos der Erde theilen, An ihrer Hand zum schönern Himmel eilen.
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Interpretation
Das Gedicht "Die Wahl des Lebens" von Johann Gottfried von Herder beschäftigt sich mit den verschiedenen Lebenswegen und ihren Vor- und Nachteilen. In der ersten Betrachtung präsentiert der Sprecher eine optimistische Sicht auf das Leben, in der er die Vorzüge verschiedener Lebensentscheidungen hervorhebt. Er betont die Bedeutung von Ehrgeiz, Ruhe, Gewinn, Unschuld, Wissen, Bescheidenheit und Familie. Der Sprecher ermutigt den Leser, das Leben zu genießen und es sicher fortzupflanzen. In der zweiten Betrachtung nimmt der Sprecher eine pessimistischere Haltung ein und beleuchtet die Nachteile und Schwierigkeiten der verschiedenen Lebenswege. Er beschreibt Ämter als frustrierend, Häuser als voller Sorgen, das Meer als gefährlich, den Landbau als ermüdend, Reisen als anstrengend, Armut als beschwerlich und Reichtum als noch belastender. Auch die Ehe, Kinder und verschiedene Lebensphasen werden negativ dargestellt. Der Sprecher wünscht sich, nicht geboren worden zu sein oder gleich gestorben zu sein. Die abschließende Strophe bringt jedoch eine Wendung in die Betrachtung. Der Sprecher erklärt, dass er sich nur noch darum bemüht, die Liebe seiner Angebeteten Phyllis zu gewinnen und zu befriedigen. Sein Ehrgeiz richtet sich darauf, sie zu besiegen und mit ihr das Schicksal der Erde zu teilen. Er sehnt sich danach, an ihrer Hand in den schöneren Himmel einzugehen. Somit wird deutlich, dass die Liebe und die Leidenschaft für eine Person die vorherigen Überlegungen über die Wahl des Lebens überwiegen und den Sprecher motivieren, trotz aller Schwierigkeiten und Zweifel weiterzuleben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Antithese
- Todt oder nicht geboren?
- Chiasmus
- Die Jugend ist stets munter, Das Alter klug und fromm.
- Kontrast
- In Aemtern giebt's Verdruß, In Häusern schwarze Sorgen
- Parallelismus
- Die Einsamkeit giebt Freiheit, Die Ehe eignen Herd
- Rhetorische Frage
- Welch Leben soll ich erwählen?
- Synästhesie
- Vom Meer her reizt Gewinn
- Vergleich
- An ihrer Hand zum schönern Himmel eilen