Die Vogelstraßen
1913Vor vielen tausend Jahren auferbaut, Ziehn hoch durch Luft die großen Vogelstraßen. Den Erdball, wie ihn Ferndampf drunten blaut, Ermaßen Flügel nur mit Himmelmaßen.
Sie sind verboten aller Menschenlast, Verwehrt dem zwiegespaltnen Huf, der Klaue. Kein Stäubchen lagert dort, kein Blatt vom Ast Und, gibt es Gott, kein Haar von seiner Braue.
Von einer solchen Straße überbrückt, Sahst du ums Haupt dir ihren Schatten stürzen. Das Licht, das jemals unter ihr gerückt, Sahst du erscheinen und zum Blitz sich kürzen.
Du hast die magische Figur befragt: Als Donner schlug sie sich in träge Stücke! Dein Magisches, dein Vogel-Leichtes jagt Entlang die unsichtbare lange Brücke.
Des einen Endes Pfeiler steht in Frost, Wo Moorpech quillt und Sumpfohreulen kreisen Und Federschwänze klatschen, rot von Rost, Entrafft der Flut voll aufgelöstem Eisen.
Des andern Endes Pfeiler hüllt Geschmeiß, Zum Fraß gesellt, im Neide sich Gehilfe - Doch dort ertönt ein Strom in seinem Fleiß, Dort senkt die Vogelstraße sich zum Schilfe.
Nicht fern besteigt den klaren Bergvulkan Ein Elefant, schaut einsam in den Krater. Darüber sinnt der Himmel, aufgetan, Sein Alter aus, und er weiß keinen Vater.
Und Bild um Bild erbangt nach einem Sinn Ob Worten, die wir sonst im Sinne hatten. Auch dies scheint Donnerrufen her und hin, Dem Blitz vorweggenommen als sein Schatten.
Zu reisen, ist der Vögel Winterschlaf, Der schwere Frösche, Schlangen oder Bären Im Schwebetraume nur mitschwebend traf. O dass wir alle Vogelseelen wären!
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Interpretation
Das Gedicht "Die Vogelstraßen" von Oskar Loerke handelt von den unsichtbaren Flugrouten der Vögel, die als "große Vogelstraßen" durch die Lüfte ziehen. Diese Wege sind von Menschen und Tieren unberührt und existieren seit Jahrtausenden, gemessen an den "Himmelmaßen". Das Gedicht beschreibt die mystische und magische Natur dieser Flugrouten, die wie eine Brücke über die Erde spannen. Der zweite Teil des Gedichts schildert die Endpunkte dieser Vogelstraßen, die sich an den Polen der Erde befinden. Am einen Ende herrschen eisige Kälte und unwirtliche Bedingungen, am anderen eine üppige, schlammige Umgebung. Dazwischen ziehen die Vögel ihre unsichtbaren Wege, die auch den Träumenden im Winterschlaf erscheinen. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, selbst eine "Vogelseele" zu sein und diese magischen Wege zu beschreiten. Die Sprache des Gedichts ist bilderreich und metaphorisch. Die "Vogelstraßen" stehen als Symbol für die geheimnisvollen, unergründlichen Wege des Lebens und der Natur. Das Gedicht vermittelt eine Ahnung von der Größe und dem Wunder der Schöpfung, die sich dem menschlichen Verständnis entzieht. Die letzten Zeilen drücken den Wunsch aus, selbst Teil dieses Wunders zu sein und die Welt aus der Perspektive der Vögel zu erleben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schweren Frösche, Schlangen oder Bären
- Anspielung
- Und, gibt es Gott, kein Haar von seiner Braue
- Bildsprache
- Wo Moorpech quillt und Sumpfohreulen kreisen Und Federschwänze klatschen, rot von Rost
- Enjambement
- Ziehn hoch durch Luft die großen Vogelstraßen. Den Erdball, wie ihn Ferndampf drunten blaut
- Hyperbel
- Vor vielen tausend Jahren auferbaut
- Kontrast
- Des einen Endes Pfeiler steht in Frost, Des andern Endes Pfeiler hüllt Geschmeiß
- Metapher
- Die großen Vogelstraßen
- Personifikation
- Sollte es Gott, kein Haar von seiner Braue
- Symbolik
- Die Vogelstraßen als Symbol für die Reisen der Vögel
- Vergleich
- Den Erdball, wie ihn Ferndampf drunten blaut