Die Viole
1730Einfältige Viole, Du hüllest zwar dein Antliz Vor aller Menschen Blike, Vor deinen eignen Bliken, In deiner Mutter Blätter, Und wählest dir zur Wohnung Einsidlerische Pläze.
Doch Zephir kömmt, und raubet Die lieblichen Gerüche, Die du zu unvorsichtig Aus deinen Blümchen hauchest.
Wann er dann Luft und Erde Damit erquiket siehet, Verläßt er dich, und flieget In eine ferne Gegend.
Dort ruft er andern Räubern, Die mit undankbarn Händen Die Blümchen selber pflüken.
Nichts ist vor den Begierden Der frechen Menschen sicher. Was hilft dich, armes Veilchen, Die blosse dunkle Farbe, Und dein einöder Wohnplaz, Wann deine süssen Düfte Dich immerhin verrathen?
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Interpretation
Das Gedicht "Die Viole" von Salomon Gessner thematisiert die Verletzlichkeit und die ungewollte Aufmerksamkeit, die die bescheidene und schüchterne Viole erfährt. Die Viole, die sich in den Blättern ihrer Mutter verbirgt und einen einsamen Ort als Wohnung wählt, wird durch ihren eigenen Duft verraten. Der Zephir, der sanfte Wind, raubt ihr die lieblichen Gerüche, die sie unvorsichtig aus ihren Blümchen haucht, und trägt sie in die Welt hinaus. Die Viole, die Schutz und Anonymität sucht, wird durch ihre eigenen Gaben entdeckt und ausgenutzt. Der Wind, der ihre Düfte verbreitet, lockt andere "Räuber" an, die die Blümchen selbst pflücken. Dies verdeutlicht die unausweichliche Natur der Begierden der Menschen, die nichts vor ihren Gelüsten sicher ist. Die Viole, die durch ihre dunkle Farbe und ihren einsamen Wohnplatz Schutz zu suchen glaubt, wird letztendlich durch ihre süßen Düfte verraten und entdeckt. Das Gedicht reflektiert über die Unvermeidlichkeit, dass man durch seine eigenen Eigenschaften oder Gaben ungewollt Aufmerksamkeit erregt und dadurch verwundbar wird. Die Viole, die sich verstecken möchte, kann nicht verhindern, dass ihr Duft sie verrät und sie in den Fokus der Menschen rückt. Gessner nutzt die Viole als Metapher für die menschliche Erfahrung, bei der selbst diejenigen, die sich zurückziehen und verstecken wollen, durch ihre inneren Qualitäten oder Talente entdeckt und ausgenutzt werden können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Nichts ist vor den Begierden / Der frechen Menschen sicher
- Metapher
- Du hüllest zwar dein Antliz / Vor aller Menschen Blike, / Vor deinen eignen Bliken, / In deiner Mutter Blätter
- Personifikation
- Die mit undankbarn Händen / Die Blümchen selber pflüken
- Rhetorische Frage
- Was hilft dich, armes Veilchen, / Die blosse dunkle Farbe, / Und dein einöder Wohnplaz, / Wann deine süssen Düfte / Dich immerhin verrathen?