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Die Viole

Von

Einfältige Viole,
Du hüllest zwar dein Antliz
Vor aller Menschen Blike,
Vor deinen eignen Bliken,
In deiner Mutter Blätter,
Und wählest dir zur Wohnung
Einsidlerische Pläze.

Doch Zephir kömmt, und raubet
Die lieblichen Gerüche,
Die du zu unvorsichtig
Aus deinen Blümchen hauchest.

Wann er dann Luft und Erde
Damit erquiket siehet,
Verläßt er dich, und flieget
In eine ferne Gegend.

Dort ruft er andern Räubern,
Die mit undankbarn Händen
Die Blümchen selber pflüken.

Nichts ist vor den Begierden
Der frechen Menschen sicher.
Was hilft dich, armes Veilchen,
Die blosse dunkle Farbe,
Und dein einöder Wohnplaz,
Wann deine süssen Düfte
Dich immerhin verrathen?

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Gedicht: Die Viole von Salomon Gessner

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die Viole“ von Salomon Gessner ist eine allegorische Betrachtung über die Fragilität der Unschuld und die unweigerliche Ausbeutung durch äußere Kräfte. Es beginnt mit der Beschreibung eines scheuen Veilchens, das sich in seinem Grünen Blattwerk versteckt, fernab der Welt und in Einsamkeit Schutz sucht. Diese anfängliche Zurückgezogenheit und Abgeschiedenheit symbolisiert die Reinheit und Unberührtheit des Veilchens, die versucht, sich vor der Welt zu schützen. Der Fokus liegt auf der Selbstbeschränkung, der Abwesenheit von Eitelkeit („deinen eignen Blicken“) und der Suche nach einem abgeschiedenen Ort.

Die zweite Strophe deutet jedoch bereits die drohende Gefahr an: Der Zephyr, der Westwind, kommt und raubt dem Veilchen seine lieblichen Düfte. Dies ist ein entscheidender Moment, da die unsichtbare Essenz des Veilchens, sein Duft, seine scheinbare Sicherheit und sein Schutz gefährdet. Der Wind, der zuerst wie ein Freund erscheint, entpuppt sich als unachtsame Kraft, die das Veilchen seiner kostbarsten Eigenschaften beraubt. Dieser Akt des „Raubens“ symbolisiert die Art und Weise, wie die Welt die unschuldigen und verborgenen Qualitäten anderer ausbeutet, ohne Rücksicht auf deren Folgen.

In den folgenden Zeilen verlässt der Zephyr das Veilchen und verbreitet seine Düfte, die von ihm genommen wurden, in der Welt, während das Veilchen verlassen zurückbleibt. Dadurch werden andere Räuber herbeigerufen, die das Veilchen direkt beschädigen, indem sie es pflücken. Dies spiegelt die zunehmende Verletzlichkeit und den Verlust der Unschuld wider, sobald das Veilchen seinen Duft verliert und die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zieht. Es verdeutlicht die These, dass selbst die größten Anstrengungen, sich zu schützen, manchmal umsonst sind, wenn das, was man beschützen möchte, für die Welt attraktiv wird.

Die abschließenden Verse des Gedichts stellen eine bittere Erkenntnis dar: Nichts ist vor den „Begierden der frechen Menschen“ sicher. Die dunkle Farbe und der abgelegene Wohnort des Veilchens bieten keinen Schutz, da die süßen Düfte das Veilchen immer verraten. Diese Zeilen sind ein Kommentar zur menschlichen Natur, zur unvermeidlichen Anziehungskraft auf das Schöne und Wertvolle und zur Tendenz, dies ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für den Einzelnen zu ergreifen. Das Gedicht endet mit einer resignierten Erkenntnis über die Vergänglichkeit der Unschuld und die Unvermeidlichkeit des Verlusts durch die Welt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.